Im Zusammenhang mit Atommüll ist der Begriff "Entsorgung" nichts als ein leeres Wort: niemand weiß, was aus den strahlenden Abfällen werden soll. Und eine verantwortbare Lösung des Problems ist nicht in Sicht

Für uns den Strom, für die Kindeskinder den Müll

Im Wort "Entsorgen" stecken Sorgen: es handelt sich um Dinge, um die wir uns Sorgen machen müssen. Nach dem Abfallgesetz "sind Abfälle so zu entsorgen, daß das Wohl der Allgemeinheit nicht beeinträchtigt wird", (§2) unter anderem die Gesundheit von Menschen, Tieren, Pflanzen. Das gilt ebenso für Atommüll: auch der müßte - nach dem Gesetz - zuverlässig und dauerhaft von der Biosphäre ferngehalten werden.

Um Atommüll müssen wir uns allergrößte Sorgen machen: die Gefahren, die von ihm für Menschen, Tiere und Umwelt ausgehen, sind enorm. Und diese Gefahren bestehen über Zigtausende von Jahren. Strahlende Schadstoffe können als feste, als flüssige oder als gasförmige Stoffe vorliegen. Dabei sind Gase besonders schwierig zu bändigen. Feste und flüssige Nuklide können sich durch atomaren Zerfall in radioaktive Gase umwandeln.

Vom Wortsinn her bedeutet "entsorgen", sich einer Sache so zu entledigen, daß wir uns keine Sorgen mehr darum zu machen brauchen. Gemessen an dieser Definition führen viele Arten der Abfallbeseitigung eher zu einer Vergrößerung des Problems. Dann zum Beispiel, wenn Müll lediglich verdünnt wird, damit die Konzentration festgelegte Grenzwerte unterschreitet. Oder, wenn er einfach nur verschoben und versteckt wird.

Mit diesen Beispielen sind die Methoden beschrieben, wie Atommüll "entsorgt" wird: er wird aus den Augen geschafft oder fein verteilt.

Das ist alles.

von Karsten Hinrichsen

Was ist Besonderes am Atommüll?

Atommüll fällt nicht an wie Holzspäne beim Bau eines Tisches. Vielmehr ist die Produktion jeder Kilowattstunde Atomstrom unausweichlich mit der Entstehung von ca. 3 mg hochradioaktivem Atommüll verbunden (so wie bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe unweigerlich CO² entsteht).

Pro Kilowattstunde Atomstrom werden in den Brennelementen neben vielen anderen Nukliden gebildet:

  • 1 Milliarde Becquerel radioaktive Edelgase
  • 100 Millionen Bq Strontium 90
  • 10 Millionen Bq Caesium 137
  • 100 000 Bq Pu 235.

Pro Kilowattstunde Atomstrom wird unter anderem in die Luft geblasen:

  • 1000 Bq radioaktive Edelgase
  • 1000 Bq Tritium
  • 0,1 Bq radioaktive Stäube
  • 0,1 Bq Jod 131.

Pro Kilowattstunde Atomstrom wird ins Kühlwasser abgegeben:

  • 1000 Bq Tritium,
  • sowie geringe Mengen an Radium, Caesium und so weiter

Radioaktiver Müll kann (je nach Nuklid) giftig, erbgutschädigend und krebsauslösend sein; in dieser Hinsicht ist er vergleichbar mit nichtstrahlendem, anorganischem (z.B. Schwermetalle) und organischem (z.B. Dioxine) Müll. Nicht radioaktiver Müll läßt sich durch chemische Reaktion in vergleichbar inerte (stabile) Verbindungen überführen; ihre Masse und ihr Volumen sind dann konstant.

Beim Atommüll kommt die Gefährdung durch Strahlung hinzu: je nach Abschirmung kann es noch in größerer Entfernung vom Müll zu Strahlenschäden kommen. Die Strahlung entsteht durch kernphysikalische Prozesse und kann nicht durch physikalische Einflüsse (Hitze Kälte, Druck) oder chemische Reaktionen beeinflußt werden. Die Halbwertszeit gibt an, wie lange es dauert, bis von einem Nuklid nur noch die Hälfte vorhanden ist. Insofern verringert sich die Strahlengefahr je Halbwertszeit um die Hälfte. Wegen des hohen Anteils an kurzlebigen Nukliden nimmt die Radioaktivität in abgebrannten Brennelementen zunächst sehr schnell ab (auf 1 % der Ausgangsradioaktivität in 10 Jahren). Danach nimmt die Radioaktivität wegen der langlebigen Nuklide nur noch langsam ab.

Atommüll wird nach wärmeentwickelndem und nicht wärmeentwickelndem Müll unterschieden. Die Wärme erhöht die Reaktionsfreudigkeit des Atommülls und kann das umhüllende Material (z.B. Stahlbehälter, Salz) angreifen. Durch die Strahlung bilden sich im Inneren der Gebinde Gase, die die Fässer bis zum Aufreißen aufblähen können. Das Wirtsgestein (aus Salz entstehen Chlor und Natrium, Natrium reagiert explosionsartig mit Wasser) kann also zersetzt werden.

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen, ein Gremium, das den Bundesumweltminister berät, hält es in seinem Bericht für das Jahr 2000 für eher fraglich, daß es jemals möglich sein wird, Atommüll von der Biosphäre fernzuhalten. Bei dieser Kenntnis weiterhin Atommüll zu produzieren, gleicht einem (Selbst)mordkommando.

Ideen, sich des Atommülls zu entledigen

In ihrer Verzweifelung, den Atommüll los zu werden, haben die Atomtechniker viele "gute" Ideen entwickelt:

  • in Fässern verpackt auf dem Meeresboden versenken (von England und Frankreich einige Zeit gemacht, von Rußland bei Murmansk eher unfreiwillig)
  • mit Raketen auf den Mond schießen (spätestens nach der Challenger-Explosion aufgegeben)
  • aus abgereichertem Uran panzerbrechende Munition fertigen, was zwar durch die Genfer Konvention als Kriegsverbrechen gegeißelt wird, aber im Irak- und Kosovo-Krieg praktiziert wurde
  • bei der Wiederaufarbeitung frei werdende radioaktive Stoffe mehr oder weniger ungefiltert in die Atmosphäre und ins Meer ableiten, so daß sie verdünnt werden
  • mit Neutronen und anderen Kernbausteinen beschießen, um langlebige in kurzlebigere Nuklide zu verwandeln, was sich bisher noch nicht als sinnvoll herausgestellt hat
  • Mikroorganismen damit füttern
  • gegen Devisen ins Ausland (Rußland hat sich mehrfach angeboten) exportieren
  • abgebrannte Brennelemente wiederaufarbeiten und das extrahierte Uran und Plutonium recyclieren
  • schwach radioaktiven Müll verbrennen oder verpressen, um dessen Volumen zu verringern
  • verstrahlte Stahlbauteile mechanisch und mit Zitronensäure dekontaminieren
  • in verschiedenen geologischen Formationen vergraben: Granit, Tuff, Salz, Tonmergel, Wüsten ...
  • flüssige Nuklide verfestigen und mit Beton ummanteln
  • hochradioaktiven Müll in Glaskokillen einschließen

Warum hat man sich erst sehr spät Gedanken um den Atommüll gemacht?

Bis heute gibt es weltweit kein Atommüllendlager, das der Forderung nach dem Schutz der Biosphäre vor dem Freiwerden von radioaktiven Stoffen "für alle Zeiten" genügt. Bildlich gesprochen: "Das Flugzeug stieg in die Luft, ohne daß eine Landebahn vorhanden ist."

Mag sein, daß es die grenzenlose Technikeuphorie der 50er und 60er Jahre war: "Die Stromzähler können abgebaut werden, so billig wird Atomstrom." Oder die Tatsache, daß Atomstrom zunächst selbst ein Abfallprodukt war: die beim Erbrüten von Plutonium für Bomben anfallende Energie sollte die Kosten der Atombombe senken. In den USA heißen Atomkraftwerke daher auch "silent bombs", stille Bomben.

Oder wären AKWs politisch nicht durchsetzbar gewesen, wenn die Atommüllproblematik offen diskutiert worden wäre? Während jede Eisdiele ein Klo nachweisen muß, Produktionsstätten den Verbleib der Reststoffe nachweisen müssen, sogar der Abriß von Windkraftanlagen in deren Betriebserlaubnis geregelt wird, waren bereits 6 AKWs in der BRD in Betrieb, bevor die Forderung der Atommüllentsorgung im Jahr 1976 endlich als § 9a Eingang ins Atomgesetz fand

Entsorgungsanstrengungen in Deutschland

Erst acht Jahre nach dem Beginn der kommerziellen Atomstromproduktion wurden die Betreiber verpflichtet, die anfallenden radioaktiven Reststoffe zu entsorgen. Der ins Atomgesetz eingeflickte Paragraph §9 a eröffnet dazu zwei Möglichkeiten:

  • die schadlose Verwertung und
  • die geordnete Beseitigung.

Damit war der "sauberen" Atomenergie plötzlich die Maske vom Gesicht gerissen: niemand hatte sich ernstlich um den Atommüll gesorgt und auf absehbare Zeit war keine Lösung der Entsorgung in Sicht. So gab das Oberverwaltungsgericht Lüneburg einer Klage wegen fehlender Entsorgungsmöglichkeit Recht und stoppte den Weiterbau des AKW Brokdorf.

Doch Politiker und Atomlobbyisten ließen sich etwas einfallen, um das Atomgesetz zu umgehen. Im sog. Entsorgungsvorsorgebeschluß der Regierungschefs von Bund und Ländern vereinbarten sie, daß es zum Nachweis der Entsorgung ausreicht, den Verbleib der abgebrannten Brennelemente auf sechs Jahre im voraus anzugeben (Transporte in die Wiederaufarbeitungsanlagen). Und es mußten Fortschritte bei der Erkundung eines Endlagers nachgewiesen werden (deshalb das verzweifelte Festhalten am Endlagerstandort Gorleben, trotz der geologischen Probleme gerade dieses Salzstocks!) Fortan akzeptierten die Gerichte diesen "Entsorgungsvorsorgenachweis", und so wurde das AKW Brokdorf weitergebaut. Dabei hat eine solche Art von Vorsorge mit der Zielsetzung des §9a AtG nun wirklich wenig zu tun.

Nachdem das ursprünglich hoch gepriesene integrierte Entsorgungszentrum in Dragahn (alle Entsorgungsaktivitäten sollten an einem Ort vorgenommen werden) wegen des Widerstands in der Bevölkerung nicht durchgesetzt werden konnte, wurde als weiterer Versuch das "dezentrale Entsorgungskonzept" entwickelt.

Als der Schnelle Brüter in Kalkar starb (in ihm sollte das bei der WAA anfallende Plutonium zum Einsatz kommen) und die Atomindustrie die deutsche WAA in Wackersdorf aufgab, und nach diversen Atommüllskandalen (Transnuklear, kontaminierte und nicht getestete Castorbehälter), "war das Entsorgungskonzept der alten Bundesregierung gescheitert", so urteilten SPD und Grüne in ihrem Koalitionsvertrag vom Oktober 1998.

Doch auch für die rot/grüne Bundesregierung ist der Weiterbetrieb der AKWs wichtiger als die Sicherheit der Bevölkerung: statt die fehlende Entsorgung dazu zu nutzen, die AKWs auszuknipsen, hob sie den Transportstopp auf, erlaubt den Transport von abgebrannten Brennelemente in die ausländischen WAAs bis zum Jahr 2005 (wiederaufgearbeitet wird der Atommüll aus deutschen AKWs wohl bis zum Jahr 2015), fordert den Bau von 15 Zwischenlagern, akzeptiert diese als Entsorgungsnachweis, erlaubt Interimslager und Bereitstellungsplätze, wo die beladenen Transportbehälter bis zu ihrem Abtransport unter "freiem Himmel" stehen dürfen. Die Hoffnung vieler, daß die Atomstromproduktion mit Hilfe der Bundesregierung beendet würde, hat sich gründlich zerschlagen.

Eine kleine Randbemerkung zur Geschichte der Atommüll-Entsorgung: Endlagerung über Jahrmillionen setzt auch stabile politische Verhältnisse voraus. Ein Beispiel, wie schnell sich diese ändern können, ist die Wiedervereinigung. Beide deutsche Staaten hatten die Standorte ihrer Endlager ausdrücklich an die Grenze zum politischen Gegner gelegt: heute liegen die Atom-Schächte Morsleben und Gorleben mitten in Deutschland.

Die genialste Art der Entsorgung

Zur Zeit bastelt der Bundesumweltminister (BMU) an einer Novellierung der Strahlenschutz-Verordung. Die dafür erforderliche Änderung des Atomgesetzes ist bereits beschlossen. Teil der Novelle ist die Festlegung von Freigabegrenzen für radioaktives Material. Je nach Verwendungszweck (Rückführung in den Wirtschaftskreislauf, z. B. Töpfe und Gabeln, Nutzung als Abschirmmaterial gegen radioaktive Strahlung, Deponierung auf Hausmüllkippen) soll bis jetzt radioaktives Material dann als strahlenfrei gelten. Es wird aus der Überwachung gemäß Atomgesetz entlassen.

Hunderttausende von Tonnen Material, die beim Abriß von Atomanlagen anfallen, müssen nicht mehr in ein Atommüllendlager: ein Riesengeschäft für die AKW-Betreiber. Die Strahlenbelastung wird auf die BürgerInnen "umgelegt". Profit (Art. 12 des Grundgesetzes) hat bei rot/grün einen höheren Stellenwert als das Recht auf Gesundheit und Leben (Art. 2 GG). Das Umdefinieren eines radioaktiv verseuchten Stoffs zu nicht strahlendem Material ist wahrlich die genialste Art, Atommüll zu entsorgen.

Noch eine prima Idee: "Als-ob-Entsorgung" im Zwischenlager

Da dem Transport von abgebrannten Brennelementen von der Bevölkerung wenig Liebe entgegengebracht wird, gibt es noch eine "gute" Idee, sich der Sorge um die Entsorgung zu entledigen: dezentrale Zwischenlager versprechen für eine lange Zeit (Zwischenlager können beliebig erweitert werden) keine Transporte und kein Endlager mehr. Dazu ist nur die Zusicherung der Bundesregierung erforderlich, daß die Zwischenlager als Entsorgungsvorsorgenachweis anerkannt werden. Genau das hat rot/grün im Koalitionsvertrag so beschlossen und in der Nonsensvereinbarung den Energieversorgungsunternehmen zugesagt.

Für die Nonsensvereinbarung hat rot/grün den EVUs unverantwortbare Zugeständnisse gemacht, auch bei der Entsorgungsfrage. Die beantragten Zwischenlager stellen 15 neue Atomanlagen dar. In denen wird schon nach vierjährigem Betrieb mehr langlebiges radioaktives Material in Hallen lagern, die nicht sicherer sind als Kartoffelscheunen, als sich im Reaktor befindet.

den Nachbarn unterschieben: Transport zur WAA

Noch immer werden abgebrannte Brennelemente zur Plutoniumabtrennung ins Ausland verschoben. Dabei ist klar, daß die "Wiederaufarbeitung" von Brennelementen keine Entsorgung im Sinne des § 9 a AtG darstellt:

  • Die abgetrennten radioaktiven Spaltprodukte können weder verwertet noch beseitigt werden, solange es kein Endlager gibt.
  • Das abgetrennte Uran und Plutonium wurde bis heute erst zu einem verschwindend geringen Teil wieder zu Brennelementen verarbeitet. Schon 1995 befanden sich in den nach La Hague und Sellafield verbrachten Brennelementen ca. 80 Tonnen Pu, von dem erst ca. 25 Tonnen abgetrennt sind und bisher nur ca. 9 Tonnen als PlutoniumMischoxidBrennelemente (MOX-BE) in AKWs zum Einsatz kamen. Das Recyclieren von Pu in MOX-BE ist nur einmal möglich. Wiederholtes Recycling verbietet sich wegen der sehr hohen Strahlenbelastung für die Arbeiter. Deshalb ist der viel beschworene "Brennstoffkreislauf" ein Märchen der Atomlobby.
  • Das Plutonium und Uran muß also ebenfalls endgelagert werden, was ohne Endlager scheitert.

Endlager: Nun sollen die (Umwelt)verbände helfen

Bislang gibt es nicht nur kein Endlager, sondern es ist noch nicht einmal klar, welche physikalisch/technischen Anforderungen an ein solches zu stellen sind. Die politische Entscheidung dafür sollen die großen (Umwelt)verbände vorbereiten helfen: Nabu, BUND, BBU, IPPNW, Greenpeace sind vom Bundesumweltminister eingeladen, in einer Arbeitsgruppe nach einem geeigneten Endlagerstandort zu suchen. Schon nach der ersten Sitzung ist die Rolle der Verbände klar: durch ihre Beteiligung sollen sie die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen. Teile der IPPNW fühlen sich bereits als Legitimationsbeschafferin mißbraucht, nachdem im Protokoll des BMU über die erste Sitzung von einvernehmlicher Debatte die Rede war.

Da in der Nonsensvereinbarung für Gorleben lediglich ein drei bis zehnjähriges Moratorium vereinbart wurde, dürfte es ziemlich wahrscheinlich sein, daß die Arbeitsgruppe "Endlagersuche" Kriterien benennen wird, die genau auf den Salzstock Gorleben zutreffen werden.

Wie mit Atommüll Geld zu verdienen ist

Die bundesdeutschen AKW-Betreiber sind verpflichtet, für die Entsorgung des Atommülls sowie die Stillegung und den Abriß der Atomkraftwerke Geld zurückzulegen. Diese Entsorgungsrückstellungen betragen derzeit ca. 80 Milliarden DM. Ob sie ausreichen werden, ist nicht bekannt; denn bekanntlich ist nicht klar, wie die Entsorgung erfolgen soll. Aber - und das ist der springende Punkt - die Entsorgungsrückstellungen können steuerfrei vorgenommen werden. Bei einem Steuersatz von 50 % bedeutet das einen zusätzlichen Gewinn von 40 Mrd. DM, die im Bundeshaushalt fehlen. Damit konnten die EVUs Firmen kaufen und neue Geschäftsfelder (Telekommunikation, Wasser, Abfall) erschließen.

In einem Gutachten für die Hamburger Umweltbehörde wurde untersucht, wie konkurrenzfähig die von den HEW betriebenen AKWs im Vergleich mit neu zu errichtenden GuD-Kraftwerken sind. Auf einem Symposium am 27.9.1999 wurden die Ergebnisse vorgestellt und von anwesenden Finanzexperten so gedeutet, daß insbesondere die alten AKWs Stade und Brunsbüttel bei Wegfall der steuerfreien Entsorgungsrückstellungen nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden könnten. Diese Aussage läßt sich auch so formulieren: Würden die AKWs sofort stillgelegt, müßten die EVUs ihre Rückstellungen für Abriß und Entsorgung auflösen; sie verlören damit ihre "Bank für die Innenfinanzierung" und somit ihre Liquidität.

Uns den Nutzen, andern die Last

Bei der Produktion "sinnvoller" Dinge (Lebensmittel, Gebrauchsgegenstände, Energie) fallen in der Regel Abfälle an. (Deshalb ist Sparen, Vermeiden usw. dem Herstellen vorzuziehen.) Der entstehende Müll verringert die Vorteile, die aus der Nutzung des Produkts gezogen werden. Nicht selten haben die einen den Nutzen, für die anderen bleibt nur der Müll :

  • Die Menschen indigener Völker, auf deren Gebiet Uran gefördert wird, haben vom Atomstrom nichts, müssen jedoch die beim Abbau freigesetzten Radongase und die Staubverwehungen von den uran- und thoriumhaltigen Abraumhalden einatmen. Hinzu kommen die Auswirkungen der Landschaftszerstörung.
  • Die ArbeitnehmerInnen in den unterschiedlichen Atomanlagen (Anreicherung, Brennelementfertigung, AKW, WAA, Lager) sind einer erhöhten Strahlung ausgesetzt.
  • Die AnwohnerInnen von Atomanlagen haben es ebenfalls mit einem erhöhten Risiko zu tun, durch Strahlung Schaden zu nehmen.
  • Viele kommende Generationen werden den Atommüll beaufsichtigen müssen. Eventuell werden sie von ihm verstrahlt, lange nachdem Atomstrom genutzt wurde.

Ohne den schnellen Brüter, der die Uranreserven um das Fünfzigfache strecken sollte, werden nur zwei bis drei Generationen in Industrienationen Atomstrom zur Verfügung gehabt haben, bevor die Uranvorräte verbraucht sind. Allen weiteren Generationen bleibt die Sorge um den Atommüll: nach ca. 24. 000 Jahre ist Plutonium 235 erst auf die Hälfte seiner Radioaktivität zerstrahlt, und Plutonium ist längst nicht das langlebigste Nuklid, das in einem Atomkraftwerk entsteht.

Für solch lange Zeiträume müssen wir erst einmal ein Vorstellungsvermögen entwickeln: Vor 24.000 Jahren herrschte bei uns tiefste Eiszeit; die Pyramiden wurden vor 7.000 Jahren errichtet; Gebäude aus dem 16. Jahrhundert sind heute uralte Baudenkmäler. Bis die Halbwertzeit von Plutonium erreicht ist, haben 700 Generationen nach uns gelebt.

Das Vermeiden von Müll bzw. dessen Entsorgung ist ein Gebot der Fairneß, der Verantwortung gegenüber kommenden Generationen, den wirtschaftlich Schwächeren, gegenüber den Menschen der sogenannten dritten Welt. Schon wegen der Entstehung des zum Teil Jahrmillionen strahlenden Atommülls ist die Atomstromproduktion aus ethischen Erwägungen nicht zu verantworten. Der Generationenvertrag wird ganz offensichtlich mißachtet. Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt.

Der Atommüll ist nun mal da

"Der Atommüll ist nun mal da, und irgendwo muß er ja hin," heißt es. Das ist richtig. Doch wir beteiligen uns nicht an der Endlagersuche, solange weiterhin Atommüll produziert wird. Laut Nonsensvereinbarung wird sich der Atommüllberg bei gut 32 Jahren Gesamtlaufzeit noch einmal verdoppeln. Wir sagen: "Erst wird der Wasserhahn zugedreht, dann wird mit dem Auffeudeln begonnen." Vorher würde eine als ausreichend sicher definierte Entsorgung dazu mißbraucht, weiteren Atommüll zu produzieren. Der Stopp der Erzeugung von Atommüll ist vorrangig vor dessen "Beseitigung", insbesondere weil es dafür bisher kein schlüssiges Konzept gibt.

Den Betreibern ist seit Jahrzehnten nicht an einer grundsätzlichen Lösung des Entsorgungsproblems gelegen. Ihnen geht es bei der Entsorgung vordergründig um den ungestörten Weiterbetrieb ihrer AKWs. Für uns ist die fehlende Entsorgung ein Hebel, um die Atomstromerzeugung zu beenden.

Zwischenlager (ob dezentrale oder zentrale) dienen ebenfalls dazu, den Atommüll aus den Reaktoren wegzubekommen, um diese weiter betreiben zu können. Deshalb ist unsere Position klar: Wir versuchen, den Bau der Zwischenlager zu verhindern.Auch Atommülltransporte dienen dazu, weiter Atomstrom zu produzieren. Deshalb versuchen wir, sie zu verhindern, ganz gleich, wohin sie gehen. Wir sagen ja zur Verstopfungsstrategie.

Eine "geregelte" Entsorgung mindert nur einen Teil der Probleme, die durch die AKWs heraufbeschworen werden. Unser Einsatz für die sofortige Stillegung aller Atomanlagen (dazu gehören auch die militärischen Atomprogramme) versucht, die Ursache der Gefährdung zu beseitigen. Deshalb ist es nur konsequent, wenn Fragen der Entsorgung bei der Anti-AKW-Bewegung solange nicht auf der Agenda stehen, bis der Atomausstieg vollzogen ist.

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Ende