| Seit über einem halben
Jahr stehen Betrügereien in der Plutoniumfabrik Sellafield auf der Tagesordnung Schmuh mit den Papieren oder mehr?
Das AKW Esensham geht vom Netz
Chronologie
14.09.99 Der Independent berichtet, daß
das Nuclear Installations Inspectorate (NII) die WAA Sellafield aufsuchen werde, nachdem
von offizieller Seite ein Geständnis getätigt wurde, daß es bei für den Export
bestimmten Brennelementen während der Fertigung zu ernsthaften Unregelmäßigkeiten
gekommen sei.
15.09.99 Japanische Nuklear-Experten
fliegen für Gespräche mit der BNFL nach Sellafield. BNFL hat die MOX-Produktion gestoppt
und drei Arbeiter der Fabrik entlassen.
22.11.99 Die Beladung des japanischen AKW
Fukushima mit MOX-BE soll im Februar 2000 fortgesetzt werden. Greenpeace setzt sich wegen
der Probleme in Sellafield für eine Verschiebung der MOX-Beladung im AKW Takahama ein.
20.12.99 Kansai Electric Power, Betreiber
des AKW Takahama, wird keine MOX-BE von BNFL in das AKW laden. Die Brennelemente sind im
Oktober 99 nach Japan geliefert worden. Drei der acht MOX-BE sind betroffen. Kansai
kündigt an, das MOX-Programm neu zu terminieren. BNFL verstärkt die Argumentation, daß
es mit der Sicherheit der MOX-BE aufgrund der Datenfälschungen keine Probleme gäbe.
Japan verhängt ein Importstopp für MOX-BE aus Sellafield, bis die Zuverlässigkeit
wieder hergestellt sei. Dieser Stopp kann eine verheerende Wirkung für BNFL haben. Der
britische Energieminister Helen Liddell entschuldigt sich bei Japan für die
Datenfälschung bei BNFL.
07.01.2000 Das schweizerische Federal
Nuclear Safety Inspectorate berichtet, daß auch drei MOX-BE, die 1996 von der BNFL für
das AKW Beznau 1 geliefert worden sind, nach einem Betriebsjahr beschädigt gewesen seien.
Neun weitere MOX-BE mußten vorzeitig zu Untersuchungen. BNFL behauptet, daß die Probleme
nicht mit den MOX-BE-Pellets in Verbindung stehen, sondern mit den "Fuel pins",
in den sie hineingeladen werden.
10.01.2000 In Takahama verschiebt die
Stadtversammlung ein Referendum über die Frage, ob es Kansai erlaubt werden solle, MOX-BE
im AKW Takahama 4 einzusetzen. Eine Petition wurde von ca. 2.000 der 9.000 BewohnerInnen
unterzeichnet.
10.01.2000 Die japanische Firma TEPCO
verschiebt die Beladung des AKW Fukushima mit MOX-BE, die für die nächsten Monate
angesetzt war. Die Brennelemente, die von Belgonucleaire hergestellt worden sind, wurden
bereits 1999 nach Japan transportiert. Aufgrund der Probleme, die mit den MOX-BE von der
BNFL bestehen, habe man sich entschieden, die Beladung mit den MOX-BE zu verschieben,
obwohl es keine vergleichbaren Qualitätsprobleme mit den belgischen Brennelementen gäbe.
17.01.2000 Einige Manager der BNFL werden
disziplinarisch belangt. Kansai kündigt an, die betreffenden MOX-BE nach Sellafield
zurückzuschicken.
20.01.2000 Kansai Electric Power
schließt BNFL von weiteren MOX-BE-Lieferungen aus, solange die Angelegenheit mit der
Datenfälschung nicht geklärt ist.
24.01.2000 Ein Team der Kansai fliegt
nach Sellafield, um weitere Untersuchungen vorzunehmen. 14 weitere Arbeiter der BNFL
wurden disziplinarisch belangt. Alle 120 ArbeiterInnen der Anlage werden seit Mitte Januar
geschult. Dies soll das Vertrauen der Kunden wiederherstellen.
07.02.2000 Eine Delegation der britischen
Regierung fliegt nach Japan, um den Importstopp für britische MOX-BE aufheben zu lassen.
11.02.2000 Japan fordert die britische
Regierung förmlich auf, die MOX-BE zurückzunehmen.
16.02.2000 Stephen Byers, britischer
Handelsminister, bereitet sich auf eine Reise nach Japan vor, um die Regierung und Kansai
zu überzeugen, weiterhin mit BNFL zusammenzuarbeiten.
Esenshamm
20.02.2000 PreussenElektra informiert in
einer Presseerklärung darüber, daß ihr im Herbst 1999 Fälschungen von Dokumenten bei
der BNFL bekannt wurden. Diese beziehen sich auf Fertigungen von MOX-BE für Japan. Im AKW
Unterweser sind vier Brennelemente eingesetzt, die bei BNFL gefertigt wurden. Unmittelbar
nach Bekanntwerden der Fälschungen hat PreussenElektra Kernkraft die Sicherheitsdokumente
für diese vier Brennelemente überprüft. Dabei ergab sich, daß die Dokumentation über
die Qualitätssicherung von sogenannten Brennelement-Pellets bei BNFL Defizite aufwies.
PreussenElektra Kernkraft ist dem Vorgang sofort nachgegangen und hat das
Niedersächsische Ministerium für Umwelt seitdem umfassend informiert. PreussenElektra
Kernkraft veranlaßte eine Überprüfung des gesamten Fertigungsablaufs. Nach heutigem
Kenntnisstand wurden die eingesetzten Pellets spezifikationsgerecht gefertigt und
kontrolliert. Aus Sicht von PreussenElektra handelt es sich im vorliegenden Fall nicht um
ein Prüfungs- sondern um ein Dokumentationsdefizit.
21.02.2000 Das Nuclear Installations
Inspectorate (NII) veröffentlicht den Bericht über die MOX-Probleme in Sellafield und
spricht von systematischem Versagen. Sie listen in 28 Punkten Mängel auf, die
unverzüglich beseitigt werden müßten. BNFL werden zwei Monate eingeräumt, um ein
entsprechendes Sicherheitsmanagement zu installieren. Aufgrund des NII-Berichtes erneuert
Japan die Forderung, die MOX-BE nach Sellafield zurückzutransportieren.
21.02.2000 Zwischen der PreussenElektra
und dem niedersächsischen Umweltministerium kommt es zum Streit darüber, ob letzteres
rechtzeitig und umfassend informiert worden sei. Eine Sprecherin der PreussenElektra
erklärt, die Landesatomaufsicht habe davon gewußt und den Einsatz der Brennelemente
geduldet. Jüttner nennt diese Aussage "in jeder Hinsicht falsch". Dem Betreiber
wirft er vor, der Atomaufsicht gezielt Informationen vorenthalten zu haben. Laut Jüttner
hat das Umweltministerium bis zur Veröffentlichung eines britischen Prüfberichts am
Freitag davon ausgehen müssen, daß die Papiere korrekt sind. Jüttner weist darauf hin,
daß bei der Fertigung der Elemente in Großbritannien Gutachter des TÜV im Auftrage
seines Hauses zugegen waren. Diese hätten anschließend eine vollständige und
ordnungsgemäße Fertigungskontrolle bescheinigt. Wenn PreussenElektra nun von einer
möglicherweise falschen Dokumentation bei den Brennelementen spreche, müsse der TÜV
diesen Widerspruch aufklären.
21.02.2000 Das Bundesumweltministerium
prüft nach Angaben seines Sprechers, ob die Vorgänge in Sellafield rückwirkend Einfluß
auf die Genehmigung von deutschen Atommüll-Transporten in die Wiederaufbereitungsanlage
hätten. Das Ministerium und das Bundesamt für Strahlenschutz würden sich sehr genau mit
der Frage auseinander setzen, ob die BNFL als Betreiberin der Anlage in Sellafield vor
diesem Hintergrund überhaupt eine Umgangsgenehmigung für deutsche Brennelemente habe.
Bei den Manipulationen habe es sich offenbar nicht um einen Einzelfall, sondern um eine
systematische Vernachlässigung von Sicherheitsstandards gehandelt.
21.02.2000 PreussenElektra AG weist darauf hin, daß es
sich bei den bekannt gewordenen Fälschungen von Dokumenten in Sellafield um Lieferungen
nach Japan handele. Das Unternehmen habe davon bereits im Herbst 1999 erfahren. Bei einer
Überprüfung der im AKW Unterweser eingesetzten MOX-BE hätten sich zwar
Dokumentationsdefizite ergeben, die Brennelemente selbst seien aber
"spezifikationsgerecht gefertigt und kontrolliert".
21.02.2000 Presseerklärung der
PreussenElektra: "Mit Überraschung und Verärgerung hat PreussenElektra Kernkraft
eine am gestrigen Abend von BNFL verbreitete Stellungnahme zur Kenntnis genommen. Danach
spricht BNFL in einem Fall der im Kernkraftwerk Unterweser eingesetzten Brennelemente von
einer Datenfälschung. Bisher hatte die BNFL gegenüber PreussenElektra Kernkraft stets
versichert, daß es keine Hinweise auf gefälschte Sicherheitsdokumente gibt."
22.02.2000 Das Deutsche Atomforum
schließt Sicherheitsmängel bei deutschen AKW durch gefälschte Prüfdokumente der WAA
Sellafield aus.
Konsequenzen?
23.02.2000 Dem AKW Unterweser droht eine
vorübergehende Zwangsabschaltung. Vertreter der Umweltministerien in Berlin und Hannover
wollen gemeinsam klären, ob die Anlage für eine Überprüfung der Brennelemente
heruntergefahren werden soll. Bundesumweltminister Trittin empfiehlt dem Stromkonzern
PreussenElektra ein freiwilliges Abschalten seines Atomkraftwerkes Unterweser. Im Sinne
eines vorbeugenden Umweltschutzes wäre der Betreiber gut beraten, das von sich aus zu
tun, sagt er in Hannover. Der Stromkonzern PreussenElektra lehnt diesen Schritt jedoch ab.
Dafür gebe es keinen Grund, sagt eine Unternehmens-Sprecherin.
23.02.2000 Der niedersächsische
Umweltminister Jüttner meint, daß der gesamte Vorgang Konsequenzen für die
Zusammenarbeit mit Sellafield und der BNFL in der Kündigung der Verträge haben müßte.
Auch der Betreiber des AKW Unterweser, Preussen Elektra, kündigt eine grundsätzliche
Überprüfung der Zusammenarbeit mit Sellafield an. Das Vorstandsmitglied von Preussen
Elektra, Walter Hohlefelder, zeigt sich entsetzt über die Vorgänge in der
Wiederaufbereitungsanlage Sellafield. Die Fälschungen stellten die Zuverlässigkeit des
Vertragspartners in Frage, sagt er. Das Atomgesetz schreibe aber vor, daß AKW nur
betrieben werden dürften, wenn alle beteiligten Unternehmen zuverlässig seien. "Wir
haben schon deshalb ein großes Interesse an einer umfassenden Aufklärung", sagt
Hohlefelder.
24.02.2000 Berichterstattung durch den
TÜV-Nord, der in England im Auftrag des niedersächsischen Umweltministeriums die
Betreiberunterlagen überprüft. Der TÜV-Nord war bereits bei der Produktion der
Brennstäbe 1996 vor Ort und hatte keinerlei Unregelmäßigkeiten festgestellt.
24.02.2000 Das AKW Unterweser wird
abgeschaltet. Freiwillig! Die vier MOX-BE sollen ausgetauscht werden. PreussenElektra
erwägt Schadensersatzforderungen gegen BNFL. Auch die Rolle des TÜV Nord sei zu prüfen.
Dieser hatte die Produktion der Brennelemente 1996 als Gutachter überwacht. Er
bescheinigte damals, daß die ausreichende Qualititätssicherung nachgewiesen und die
Dokumentation vollständig und richtig sei. "Vor dem Hintergrund habe ich sehr ernste
Fragen an den TÜV Nord, wie er zu seinen Testaten kommt", sagt Jüttner.
25.02.2000 Niedersachsens Umweltminister
Wolfgang Jüttner (SPD) zeigt sich unzufrieden mit einem Bericht des TÜV Norddeutschland,
der darlegen sollte, warum die Fälschung von Sicherheitsdokumenten unbemerkt blieb. Dazu
lasse der Bericht viele Fragen offen, sagt Jüttner. "Sollte sich herausstellen, daß
der TÜV Nord schlampig gearbeitet hat, könnte es zu einer Trennung kommen", sagt
eine Ministeriumssprecherin.
28.02.2000 Niedersachsen will den Einsatz
neuer Brennelemente in den vier Atomkraftwerken des Landes schärfer kontrollieren. Das
kündigt Staatssekretär Schulz an. Die Regierung zieht damit die Konsequenzen aus der
Fälschung von Dokumenten bei britischen Brennelementen für das Atomkraftwerk Unterweser.
Der Chef der britischen Betreibergesellschaft BNFL in Sellafield, Taylor, muß wegen des
Vorfalls seinen Hut nehmen.
28.02.2000 Der niedersächsische
Umweltminister Jüttner hält seinem eigenen Ministerium Versäumnisse beim Umgang mit dem
Brennelementeskandal im AKW Unterweser vor. Bereits im September 1999 habe es mündliche
Hinweise des Betreibers PreussenElektra auf Unregelmäßigkeiten in der britischen
Brennelementefertigung Sellafield gegeben, sagt Jüttner. Doch sei dem Mitarbeiter die
Brisanz dieser Information nicht klar gewesen. Die Frage sei, ob die Aufsichtsbehörden
angemessen reagiert hätten. Auch in der Fachöffentlichkeit sei seit Monaten über
mögliche Sicherheitsmängel in Sellafield diskutiert worden, sagt Jüttner nach einer
Sitzung des Umweltausschusses des Landtags. Diese Debatte sei jedoch von Land und Bund
nicht aufgenommen worden.
02.03.2000 Der niedersächsische
Umweltminister Jüttner will weitere Transporte abgebrannter Brennelemente aus dem AKW
Unterweser zur Wiederaufarbeitung nach Großbritannien verbieten. Spätestens nach der
turnusmäßigen Revision des AKW im August würden weitere Lieferungen in die britische
WAA Sellafield untersagt, teilt Ministeriumssprecherin Jutta Kremer-Heye nach einer
Protestaktion der Umweltschutzorganisation Greenpeace mit. Bis August werde es ohnehin
keine Transporte aus dem Kraftwerk nach Sellafield geben.
02.03.2000 Der Bundesverband der
Bürgerinitiativen Umweltschutz stellt gegen die VEBA-Tochter PreussenElektra Strafanzeige
wegen der Verwendung von Kernbrennstäben mit gefälschten Papieren im AKW Unterweser. Der
Stromkonzern habe gegen das Atomgesetz und gegen die Strahlenschutzverordnung verstoßen,
erklärt der Verband am Donnerstag in Oldenburg. Außerdem bestehe der Verdacht, daß die
öffentliche Sicherheit gefährdet sei.
04.03.2000 Bundesumweltminister Jürgen
Trittin ist laut einem Bericht der "Berliner Zeitung" schon früher als bisher
bekannt über gefälschte Sicherheitsnachweise für die MOX-BE informiert gewesen. Die
Zeitung berichtet unter Berufung auf einen vertraulichen Drahtbericht der deutschen
Botschaft in London, daß das Bundesumweltministerium bereits am 15. September 1999 über
Streitigkeiten zwischen japanischen Atombetreibern und der BNFL wegen "gefälschter
Qualitätskontrollaufzeichnungen" seitens BNFL informiert worden sei.

Wie leicht sich doch Betreiber-Probleme
lösen lassen!
Ein Kommentar zu Erfindungsreichtum und netten Worten dafür
Schemel, Körbchen und Garage
von Stefan Scheloske
Tucholsky sagte schon: "Satire darf alles", aber die
Satire wird allzu oft von der Realität überholt. Anders gesagt: Wenn ich nicht wüßte,
daß das folgende alles wahr ist, würde ich es für eine Satire halten.
1. Schemel
Das AKW Neckarwestheim (GKN) ist eines der AKWs mit einem
hohen "Entsorgungsdruck", d.h. wenigen freien Stellplätzen im
kraftwerksinternen Abklingbecken. Dies betrifft beide AKWs: das relativ "neue"
GKN 2 aus der sog. "Konvoi"-Baureihe und das ältere GKN 1. Um mit möglichst
wenig Castor-Behältern möglichst viel Entsorgungsdruck aus dem AKW zu lassen
("pfffftt!!"), sind die Betreiber auf die Idee verfallen, Brennelemente (BEs)
aus beiden Blöcken in einen Castor V/19 zu verladen. Da nun allerdings beide AKWs aus
unterschiedlichen Phasen der Druckwasserreaktorentwicklung in der BRD stammen und da
Fortschritt im Kapitalismus immer "größer, mehr, umsatzstärker" bedeutet,
sind folgerichtig die Brennelemente aus GKN2 länger als die aus GKN 1. Die Füllschächte
im Castor sind aber alle gleich groß, d.h. die BEs aus Block 1 würden ohne zusätzliche
Maßnahmen hin und her schlackern.
Was tun? - Zeitungspapier rein tun zum Auffüllen geht
nicht, das würde ja verbrennen. Holzwolle auch. Grübel, grübel: Laßt uns doch die
kurzen BEs einfach auf Schemel stellen, und die Sache ist geritzt!
Beantragt und genehmigt.
Das glaubst Du nicht? Die Realität darf alles!
2. Körbchen
Die Abklingbecken in den AKWs sind dazu da, BEs vor dem
Abtransport zur WAA oder zum Zwischenlager mehrere Jahre aufzubewahren und die
Radioaktivität abklingen zu lassen. Dabei sind - so war zumindest bis vor kurzem der
Stand - über den Brennelementen so viele Meter Wasser, daß die am Beckenrand arbeitenden
Menschen nicht zu viel Strahlung abbekommen. Nun sind allerdings in einigen AKWs die
Becken voll, d.h. die sicherheitstechnisch vertretbare und genehmigte BE-Zahl ist nahezu
ausgeschöpft.
Was tun? - Könnten wir nicht doch mit ein bißchen
weniger Wasser über den BEs auskommen? Dann könnten wir noch ein paar Körbchen
(korrekter Begriff: Zusatzgestelle) einbauen und noch ein paar BEs mehr unterbringen.
Müssen wir nur aufpassen, daß das Wasser nicht kocht....
In Stade beantragt und genehmigt, in Biblis und
Philippsburg ebenfalls geplant.
Das glaubst Du nicht? Die Realität darf alles!
3. Garagen
Daß die erfolgreichsten Firmengründungen oft
"Garagenfirmen" sind, haben wir ja schon oft gehört. Neu ist allerdings, daß
auch das AKW Philippsburg eine solche ist. Dort haben die Betreiber erkannt, daß sie
nicht nur Probleme mit dem Abtransport abgebrannter BEs haben (Lerneffekt aus dem ersten
Gorleben-Castor 1995), sondern daß auch die Genehmigung des dezentralen Zwischenlagers am
Standort zu lange dauert, um den Weiterbetrieb abzusichern. Und beliebig viele Castoren
zur "Transportbereitstellungslagerung" unter freiem Himmel anzumelden, ohne
wirklich einen Abtransport zu beabsichtigen, erschien Ihnen wohl auch nicht sinnig
(Lerneffekt aus der "Langzeitbereitstellungslagerung" des ersten
Gorleben-Castors 1994/95).
Was tun? - Könnten wir nicht ein paar überdachte
Castor-Stellplätze bauen? Dann kommt der Castor in die Garage als Zwischen-Zwischenlager,
bis das richtige Zwischenlager genehmigt ist?
Überraschenderweise ist diese Idee noch nicht genehmigt,
aber es kann nicht mehr lange dauern (und sonst machen sie vielleicht einfach
Langzeittransportbereitstellungslagerung zur Zwischen-Zwischenlagerung...).
Wie mensch sieht, waren die Betreiber gezwungen, sich als
Reaktion auf die erfolgreiche Verstopfungsstrategie der Anti-AKW-Bewegung in Verbindung
mit den hausgemachten Problemen (Kontamination von BE-Behältern) allerhand kuriose Dinge
einfallen zu lassen. Das müssen wir uns von Zeit zu Zeit vergegenwärtigen, denn selbst
wenn dadurch kein AKW auch nur einen Tag still steht, so haben wir ihnen doch erhebliches
Kopfzerbrechen bereitet und sie zu Ausflüchten gezwungen, die mensch nur als albern
bezeichnen kann.
Leider hilft uns das Schmunzeln darüber nur begrenzt
weiter, denn es scheint, daß nunmehr die Verstopfungsstrategie in Form der alleinigen
Mobilisierung auf den nächsten Castor-Transport an ihrem Ende angekommen ist. Die
Hintertürchen sind rechtzeitig aufgegangen, und wir müssen erkennen, daß die Betreiber
gar keine Castor-Transporte mehr brauchen. Rot-Grün schenkt ihnen die dezentralen
Zwischenlager, die den Betrieb langfristig sichern. Auch für die Zeit bis zu deren
Errichtung und Genehmigung werden keine realen Transporte benötigt, sondern nur die
Genehmigungen dafür, denn die berechtigen zur Transportbereitstellungslagerung (TBL). Und
die ersten Genehmigungen gibt es ja bereits, weitere werden folgen. So weit, so schlecht.
Aber sind wir nicht mindestens ebenso flexibel wie die Betreiber?
Für eine inhaltliche Weiterentwicklung unserer auf
Castor-Transporte verengten Strategie bieten sich m. E. genügend Ansatzpunkte, die wir
verfolgen können:
- (der Vollständigkeit halber:) Die Mobilisierung auf den nächsten Castor
muß natürlich fortgesetzt werden. Der Status quo ist zwar unbefriedigend, da es nicht
möglich sein wird, AKWs tatsächlich "vom Netz zu blockieren", in dem wir ihnen
Castor-Transporte unmöglich machen. Aber die Blockaden von Castor-Transporten sind ein
großes Druckmittel, das wir aufgebaut haben und das wir nicht aus der Hand geben dürfen.
- die o.g. Ausflüchte (Schemel, Körbchen, Garagen, dezentrale
Zwischenlager, TBL,...) durch Öffentlichkeitsarbeit und ggf. auch mit juristischen
Mitteln als das kennzeichnen, was sie sind: sicherheitstechnisch bedenkliche Krücken
- ganz wichtig: Aktionen gegen Castor-Leertransporte zu den AKWs sind
gegenwärtig das letzte Mittel, das wir haben, um den Verstopfungsdruck auf die AKWs
hinsichtlich der abgebrannten BEs noch zu erhöhen, denn zur TBL benötigen die Betreiber
außer den Transportgenehmigungen auch Castoren, um die BEs zu verladen.
- wie vielfach vorgeschlagen und vereinzelt auch schon geschehen, sollten
auch andere Arten von Transporten (UF6, frische BEs etc.) thematisiert und blockiert
werden
- wir sollten hausgemachte Probleme der Betreiber nicht verschlafen,
sondern konsequent zu unseren Gunsten ausschlachten. Aktuell haben sie uns ja den Gefallen
getan, Papiere von BEs zu fälschen (Sellafield), leider wohl nur für ein AKW
(Unterweser). Wir sollten schleunigst prüfen, was ein eventueller Wegfall Sellafields als
Entsorgungsnachweis bedeutet.
Zudem haben wir bisher völlig vernachlässigt, was sich
hinter der "Liberalisierung des Strommarktes" verbirgt. Enorme
Konzentrationsprozesse (s. Fusionen "Veba-Viag und RWE-VEW) und
Kostensenkungsprogramme kosten Zigtausende ihren Arbeitsplatz. Atomkonzerne finanzieren
Dumping-Strompreise mit den steuerfreien Rückstellungen für die atomare Entsorgung. Von
der Subvention des Atomstroms z.B. durch Verzicht auf angemessene Versicherung der AKWs
ganz zu schweigen. Stromimporte aus Osteuropa exportieren das atomare Risiko. Und und
und...
Bei alledem müssen wir unbedingt bedenken, daß wir in
Kürze mit der Schlagzeile "Ausstieg geregelt" überrascht werden könnten. Im
Kleingedruckten wird stehen, daß sich Rot-Grün und die Betreiber auf ein Auslaufen bis
ca. 2020 verständigt haben. Gemessen am Zeitplan der Gegenseite (auf dem
Grünen-Parteitag vom 17.-19.3. sollen die Konsens-Ergebnisse abgesegnet werden, evtl.
kann es auch bis zum nächsten Parteitag im Mai dauern) ist es höchste Zeit, eigene
Akzente zu setzen, um wieder in die Offensive zu kommen. Die Diskussion um die
Wanderblockade geht da m.E. in die richtige Richtung und bietet auch die Möglichkeit,
alle o.g. Ansatzpunkte inhaltlich mit ein zu beziehen.
Denn warum immer nur auf den Castor - oder in Zukunft den
UF6-Transport - warten? Schichtwechsel ist dreimal täglich!

30 Jahre Laufzeit, 3 Jahre Übergangsfrist,
neue Castortransporte... ein Ausstieg, wie wir ihn uns wünschen!
Was zuviel ist, ist zuviel!
von Marianne Fritzen
Ich gebe heute, 06.02.2000, dem Landesvorstand von
Bündnis 90/ die Grünen und dem Kreisverband Lüchow-Dannenberg (Bündnis 90/ die
Grünen) meinen Austritt aus der Partei bekannt. BEGRÜNDUNG: Meine Mitgliedskarte von
GRÜNE LISTE UMWELTSCHUTZ (GLU) Landesver- band Niedersachsen - Kreisverband
Lüchow-Dannenberg wurde am 01.02.1978 ausgestellt. Meine Mitgliedskarte "DIE
GRÜNEN" Kreisverband Lüchow-Dannenberg wurde am 27. November 1979 ausgestellt.
Seit nunmehr 22 Jahren gehe ich auf die
Straße, um für die Partei Wahlkampf zu machen. Als "Gründungsmutter" dieser
Partei (Gunda Röstel und Antje Radcke sind ja der Auffassung, daß die Gründungsväter
und -mütter sich "auf das wohlverdiente Altenteil zurückziehen" können) war
es in erster Linie die Auseinandersetzung mit den Plänen der damaligen Bundesregierung in
GORLEBEN, die uns veranlaßt haben, einen Kreisverband GLU zu gründen und später in die
GRÜNEN überzuwechseln.
Für mich persönlich gab es neben Gorleben aber auch noch
einen anderen, sehr wichtigen Grund, mich für die GRÜNEN einzusetzen. Das war die
Haltung der Partei zur Friedenspolitik. Als "Gründungsväter und -mütter"
hatten die meisten von uns einen schrecklichen Krieg erlebt, und unsere Devise damals
hieß: "Nie wieder Krieg!"
Zu meinem heutigen Austritt aus der Partei berufe ich mich
auf drei wesentliche GRÜNE-Programmpunkte, die von den heutigen Bundestagsmitgliedern,
wenn vielleicht schon nicht gutgeheißen. so doch zumindest toleriert werden.
"Politik kann nicht alle Probleme lösen. Aber
Politik muß ihren Teil zur Lösung der Probleme beitragen. Dafür ist die Bundestagswahl
1998 eine entscheidende Wahl. Sie können wählen zwischen dem Mut zur Wirklichkeit und
dem Aussitzen der Probleme." (Präambel des Wahlprogramms)
1. Problem: Ausstieg aus der Atomkraft
"Bündnis 90/Die Grünen wollen den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie. Die
Stromversorgung in Deutschland wäre auch sichergestellt, wenn alle Reaktoren (AKWs)
sofort abgeschaltet würden. Wir werden alle zur Verfügung stehenden administrativen,
wirtschaftlichen legislativen Mittel wie ein Atomausstiegsgesetz nutzen, um die Forderung
nach dem sofortigen Ausstieg umzusetzen. Abgebrannte Brennelemente sind in den AKWs
zwischenzulagern. ." (S.23 u. 24 Bundestagswahlprogramm)
In der Koalitionsvereinbarung vom 20. Oktober 1998 heißt
es unter 3.1. und 2 S.21/22. "Wegen ihrer großen Sicherheitsrisiken mit der Gefahr
unübersehbarer Schäden ist die Atomkraft nicht zu verantworten. Deshalb wird die neue
Bundesregierung alles unternehmen, die Nutzung der Atomkraft so schnell wie möglich zu
beenden." Der Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie wird innerhalb dieser
Legislaturperiode umfassend und unumkehrbar gesetlich geregelt. [Es] folgen die Schritte
eines 100-Tage-Programms. Für den zweiten Schritt setzt sich "Die neue
Bundesregierung . . einen zeitlichen Rahmen von einem Jahr nach Amtsantritt".
Daß man im politischen Alltag nicht Maximalergebnisse
erreichen kann, weiß auch ich. Aber der Eiertanz zwischen Grüner Bundestagsfraktion mit
ihrem Minister, der Koalitionspartei SPD und den Betreibern hat dazu geführt, daß
Bündnis 90/ die Grünen zur Manövriermasse degradiert wurde. Der Ausstieg rückt in
immer weitere Ferne!
2. Problem: Entmilitarisierung und
Zivilisierung - die Schlüssel der Friedenspolitik (S.141) Ich zitiere: "Nur durch
Entmilitarisierung und das Primat der Politik ist erreichbar, daß zivile
Konfliktbearbeitung nicht mehr dem alten militärischen Denken untergeordnet wird.
Friedenspolitik kann sich nicht hinter Bündniszwängen oder vermeintlichen
internationalen Notwendigkeiten verstecken", Und: "Bündnis 90/ die Grünen
akzeptieren nicht, daß die NATO ihre Rolle zu Lasten der UNO und der Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) ausweitet, um ihre eigene militärische
Dominanz durchzusetzen".
Es ist ein bündnisgrüner Außenminister, der als erster
nach 1945, Bombenangriffe, auch auf Zivilbevölkerung, mitzuverantworten hat, ebenso wie
u.U. Verkauf von Waffen an andere Länder.
3. Problem: Mit Ökosteuern umsteuern und
neue Arbeitsplätze schaffen (Koalitionsvereinbarung S.15) "Mit der ökologischen
Steuer- und Abgabenreform setzen wir marktwirtschaftliche Anreize für die Entwicklung
energiesparender und umweltschonender Produkte und neuer Produktionsverfahren und für ein
umweltbewußtes Verhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Ökologische Steuer-
und Abgabenreform ist ein marktwirtschaftliches Instrument moderner Technologie- und
Industriepolitik....
Ökosteuer für die Entwicklung energiesparender und
umweltschonender Produkte und neuer Produktionsverfahren, JA! Aber nicht zum Auffüllen
leerer Kassen
Ich wünsche der Partei Treue zu ihren eigenen
Grundsätzen. Nur dann wird sie wählbar bleiben.

Ende |