| Hauptsache Arbeitsplätze In der Auseinandersetzung um die Atomenergie
spielt das Argument Arbeitsplätze immer wieder eine zentrale Rolle. Vor allem die
gewerkschaftliche Diskussion ist nicht einfach zu diesem Thema. Gewarnt wird vor dem
Ausstieg, weil dann 40.000 Arbeitsplätze direkt und weitere 100.000 indirekt wegfallen
würden.
Bundeswirtschaftsminister Müller, der als
Ex-Veba-Manager nicht gerade in dem Verdacht steht, die Sicht der AtomkraftgegnerInnen zu
vertreten, hat in seiner Rede auf der Jahrestagung Kerntechnik im Mai 1999 deutliche Worte
zu diesen Warnungen gesagt: "Es ist schlicht unredlich, immer wieder öffentlich zu
sagen, die Kernenergiepolitik der neuen Bundesregierung gefährde 40.000 Arbeitsplätze in
der Stromwirtschaft unmittelbar und weitere 100.000 mittelbar.
Diese Zahlen gelten allenfalls für einen
Sofortausstieg, den in dieser Bundesregierung noch nie irgendein Kabinettmitglied je
gefordert oder gar propagiert hat. Die Frage des Sofortausstiegs ist keine Frage an die
Politik, sondern einzig eine Frage an die Sicherheit und Zuverlässigkeit des laufenden
KKW-Betriebes und die Frage an eine juristisch und sachlich zuverlässig geordnete
Entsorgung.
Ich diskutiere über die Gefährdung von
Arbeitsplätzen sehr viel mit Arbeitnehmern und ihren Betriebsräten und
Gewerkschaftsvertretern. Und ich frage dabei, warum angesichts der klar nachlesbaren
Politik der Bundesregierung so viele Demonstranten nach Bonn gekommen sind. Und schon
öfters habe ich gehört, man sei auch nach Bonn gefahren, weil die Werksleitungen darum
gebeten hätten.
Dabei habe ich volles Verständnis dafür, daß
die Mitarbeiter der Stromwirtschaft verunsichert sind, denn nach gewerkschaftlichen
Angaben - andere Zahlen habe ich nicht - sind in den letzten vier Jahren tatsächlich
40.000 unmittelbar, also demnach auch 100.000 mittelbar Beschäftigte abgebaut worden.
Meine Bitte: Versuchen Sie nicht, den stattfindenden Rationalisierungsprozeß gegen den
Faktor Arbeit, um wettbewerbsfähig zu sein, zu kaschieren durch unzutreffende
Behauptungen zur Kernenergiepolitik der neuen Bundesregierung."
In der Tat: Die Energiewirtschaft baut Stellen
ab, insbesondere um auf dem seit der Liberalisierung in Druck geratenen Markt bestehen zu
können.
Siemens/KWU streicht Stellen
Siemens/KWU kündigt im Mai 99 an, im Bereich
Energieerzeugung in Erlangen rund 850 der 5.200 vorhandenen Arbeitsplätze abzubauen.
Mehrheitlich sind davon Ingenieure betroffen. Diese "Personalanpassung" soll
nach Auskunft eines Konzernsprechers bis zum Ende September 2001 vollzogen sein. Weitere
370 Stellen werden an anderen KWU-Standorten - vor allem in Offenbach und in Lingen -
gestrichen. Der größte Einschnitt erfolgt in Erlangen im Geschäftsbereich "fossile
Energieerzeugung": Hier fallen etwa 400 von 1800 Stellen weg. Die KWU wolle lieber
"verstärkt externe Fach firmen einschalten, um Projektrisiken zu verringern und
Kostenvorteile zu erzielen", hieß es. Eine "weitere Kostensenkung" ist
auch im Geschäftsbereich "nukleare Energieerzeugung" das Ziel - ihm fallen in
Erlangen etwa 360 von 1900 Stellen zum Opfer. Die restlichen Arbeitsplätze betreffen
firmeninterne Dienstleistungen. Mit dem Betriebsrat soll nun über eine "möglichst
sozialverträgliche" Umsetzung der Pläne gesprochen werden. Weltweit hat die KWU
derzeit 27.500 Beschäftigte, bei einem Umsatzvolumen von rund 13 Milliarden Mark im
letzten Geschäftsjahr.
EU-Liberalisierung gefährdet Jobs
In Brüssel haben im Mai 99 rund 5.000
Beschäftigte der europäischen Energiewirtschaft für einen fairen europäischen
Energiemarkt demonstriert. Sie forderten den gerade tagenden Energieministerrat auf, bei
der Umsetzung der EU-Richtlinie "Elektrizität" in nationale Energiegesetze auch
die sozialen Aspekte zu beachten. Zu dem Aktionstag hatte der Europäische
Gewerkschaftsverband für den Öffentlichen Dienst (EGÖD) aufgerufen.
"250 000 Arbeitsplätze stehen auf dem
Spiel", sagte Herbert Mai, ÖTV-Vorsitzender und EGÖD-Präsident. Die durch die
vollständige Liberalisierung ausgelöste Wettbewerbsdynamik führe zu erheblichen
sozialen Problemen. Allein in Deutschland seien seit der Marktöffnung bereits 40.000
Arbeitsplätze vernichtet worden. Mai: "Der europäische Strombinnenmarkt dient nicht
nur den industriellen Großabnehmern, er muss auch allen Bürgern Strom zu bezahlbaren
Preisen liefern." Dies gehöre zur sozialen Dimension der Europäischen Union.
Deshalb könne auf eine öffentliche Kontrolle der Energiestrukturen nicht verzichtet
werden.

Hauptsache
Arbeitsplätze: Der Streit um die Atomkraft bei den Gewerkschaften
Für eine strahlende Zukunft?
Die Gewerkschaften (mit diesem allgemeinen
Begriff sind im folgenden immer die auf Seite 7 skizzierten vier Gewerkschaften IG Metall,
IG Bergbau + Energie, IG Chemie, Papier, Keramik und ÖTV gemeint) haben seit Beginn der
Nutzung der Atomenergie eine wichtige Rolle für die Durchsetzung dieser höchst
umstrittenen Energieform gespielt. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, daß es
auch innerhalb der Gewerkschaften Widerstand gegen die Atomenergie gab und gibt.
Die Zustimmung der Gewerkschaften zu einer
industriewirtschaftlichen, vom Staat geförderten Nutzung der Nukleartechnologie bestand
von Anfang des Atomprogramms an und wurde bis zu den erfolgreichen Protesten in Whyl 1975
unhinterfragt weitergetragen.
Beispiel Brokdorf
So kam es " daß z.B. der DGB-Kreisverband
Steinburg, in dem das AKW Brokdorf geplant war, durch einen Besuch des AKW Stade sich
"über die Arbeitsweise eines solchen Werkes, über Sicherheitsauflagen und
Bedingungen für den Betrieb, über Zahl und Art der Arbeitsplätze und die
Arbeitsbedingungen der Beschäftigten" informierte und überhaupt versuchte
"einen Eindruck davon zu gewinnen, wie ein solches Kernkraftwerk in unsere
niederdeutsche Landschaft paßt." Nach diesem Besuch gab der DGB-Kreisvorstand eine
Presseerklärung heraus, die damit endete, daß "in Anbetracht der wirtschaftlichen
Situation im Kreise Steinburg (...) auf zusätzliche Arbeitsplätze, die zugleich auch die
Finanzkraft der Gemeinden stärken, nicht verzichtet werden (kann). Ein Kernkraftwerk
schafft Arbeitsplätze während der Bauzeit und nach Inbetriebnahme. Es sichert durch
Energiebereitstellung auch die Arbeitsplätze der Zukunft." (aus: Paul Barth
"Brokdorf - zum innergewerkschaftlichen Diskussionsprozeß", in GWMH Nr. 10/77)
Die Zerrissenheit der Gewerkschaften
beziehungsweise die unterschiedliche Positionierung einzelner Organe der Gewerkschaften in
der Frage der Atomenergie zeigte sich allerdings nach den brutalem Vorgehen der Polizei
gegen die Demonstration in Brokdorf im Jahre 1976. So haben 29 Gewerkschaftsgruppen
überwiegend aus ÖTV und GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) Grußadressen an
die Bürgerinitiative Umweltschutz Unterelbe (BUU) gerichtet. Aber nicht nur
Solidaritätsadressen waren eine Antwort auf die Demonstrationen gegen Brokdorf. Die
lokale ÖTV-Gruppe hatte geplant, anläßlich der Anti-Atom-Demo eine Gegenkundgebung beim
AKW-Gelände in Brokdorf durchzuführen, auf der mehrere hundert Belegschaftsmitglieder
der Norddeutschen Kraftwerke AG (NWK) für die Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen
demonstrieren wollten und sich auch gegen die "professionellen Demonstranten"
richten wollte. Diese Demo wurde aber um sechs Tage verschoben, da die Polizei die
Sicherheit der NWK'ler nicht garantieren konnte und war mit ca. 1.000 Leuten die erste
Demo für AKW. Organisator der Demo war der ÖTV-Bezirksvorsitzende Hans Schwalbach, der
zugleich im Aufsichtsrat der NWK saß.
Auch die GdP-Landesbezirke in Norddeutschland
formulierten Kritik an der Ablehnung der Atomenergie. Nach der "Schlacht von
Brokdorf" allerdings wurde vom GdP-Vorsitzenden Schirrmacher als erstem hochrangigen
Gewerkschafter ein Moratorium beim Bau von Kernkraftwerken gefordert, das dazu dienen
sollte, die Öffentlichkeit mit weiteren Informationen über Nutzen aber auch Gefahren der
AKW zu informieren.
"Chaoten gefährden
Arbeitsplätze"
Ca. 14 Tage später fand dann in Mülheim/Ruhr
am Sitz der Kraftwerk Union (KWU; Siemens) eine Demo von 5.000 Beschäftigten statt. Der
Betriebsrats-Vorsitzende der KWU formulierte: "Die Chaoten von Brokdorf gefährden
unsere Arbeitsplätze" und in der Folge wurden Unterschriftenlisten gesammelt, mit
der man nicht nur "kein Verständnis für Leute, die als Berufsdemonstranten durch
die Lande ziehen und rechtswidrig Bauplätze besetzen", bekundete. Mit ihr wurden
auch die "einseitigen Darstellungen in Presse, Funk und Fernsehen über die Vorgänge
bei Kraftwerkbauten" als "bewußte Irreführung und Manipulation"
bezeichnet, die "zehntausende von Arbeitsplätzen" gefährden.
Die innergewerkschaftliche Auseinandersetzung
um die Atomenergie verschärfte sich nach Brokdorf. Kritische Berichte über die
Atomenergie im IGM-Magazin Metall riefen z.T. heftige Reaktionen hervor; so wurden
einzelne Ausgaben der Metall bei KWU in Mülheim nicht mehr verteilt. Aber auch
differenzierte Töne kamen aus dieser Ecke: Der IGM-Vertrauenskörper der KWU Offenbach
beschrieb die gewerkschaftspolitische Brisanz der Kernenergiefrage dahingehend, daß
"die Frage der Sicherheit von Kernenergie-Anlagen (...) letztlich die Frage des
Vertrauens in die privatwirtschaftlich organisierte Industrie und die staatlichen
Kontrollorgane" sei, welches durch "Polizeieinsätze wie in Brokdorf in Frage
gestellt" werde. Und weiter heißt es in dieser Stellungnahme: "Die Gewerkschaft
muß unbedingt auf Kontrolle in der Kernenergiefrage drängen. Überläßt sie dieses Feld
voll und ganz den Unternehmern und den staatlichen Organen, so wird an ihr vorbei ein
Großteil der Strukturveränderungen im Arbeitsbereich entschieden werden. (..) Die
Sicherheit der Arbeitsplätze bei der KWU ist nicht auf die einfache Frage: Kernenergie ja
oder nein zu reduzieren. Eine Verteufelung der Umweltschützer und ihre Herausstellung als
Bedrohung der Arbeitsplätze macht es der Firmenleitung nur leicht, mit einem äußeren
Feind innere Umänderungen zu vollziehen. Die Arbeitsplätze in der KWU sind so sicher wie
jeder andere Arbeitsplatz in unserem Wirtschaftssystem. Im Kampf um den Erhalt unserer
Arbeitsplätze müssen wir uns solidarisch mit den Forderungen der IGM nach
Arbeitszeitverkürzung und demokratischer Kontrolle des Wirtschaftsprozesses zeigen und
nicht mit dem Versuch des Durchsetzens von Gruppeninteressen versuchen die Arbeitnehmer zu
spalten."
Im Laufe des Jahres 1977 spitzte sich die
innergewerkschaftliche Auseinandersetzung zu. Der DGB-Bundesvorstand sah sich veranlaßt
gleich mehrmals Verlautbarungen zur Frage der Atomenergie herauszugeben.
Arbeitsplätze über alles
Die Argumentationslinie verlief immer stärker
auf der Ebene Arbeitsplatzschaffung und -sicherung, im Unterton waren aber auch kritische
Töne gegenüber den Gefahren der Atomenergie darin zu hören. Die Argumentationskette
verlief dabei wie folgt: Um das Ziel der Vollbeschäftigung zu erreichen muß ein
Wirtschaftswachstum her, das auch die Nachfrage nach Energie erhöht und diese muß durch
Kohle und Atomenergie bereitgestellt werden. Mit dieser hier verkürzt dargestellten
Argumentationskette war also die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Atombranche als eine
absolute Notwendigkeit und Unausweichlichkeit formuliert, wolle man die Ziele des
"Magischen Vierecks" erreichen. Auch der DGB forderte zumindest eine Pause im
Weiterbau der AKW, bis die Frage der Wiederaufarbeitung geklärt sei. Trotzdem setzte der
DGB in der Atomenergiefrage auf ein Bündnis mit der SPD-Bundesregierung - nicht mit den
BI. Auch innerhalb der SPD war die Frage nicht unumstritten, gab es auch hier 1977
Diskussionen um ein Moratorium zum Bau von AKW. Doch im Herbst 77 - dem sogenannten
Deutschen Herbst - kam alles anders. Gefördert durch Kanzler Schmidt, dem
SPD-Fraktionsvorstand - vor allem der IGBE-Vorsitzende Adolf Schmidt, der
Kraftwerksindustrie und den EVU, formierten sich die Betriebsräte und Belegschaften der
wirtschaftlich an der Atomenergienutzung interessierten Wirtschaftsbranchen.
Aktionskreis Energie der
Betriebsräte
Bereits im Herbst 1976 wurde unmittelbar nach
den Pro-Atom-Demonstrationen vom KWU-Gesamtbetriebsrat der Aktionskreis Energie (AKE)
gegründet, dem bald 350 Betriebsräte aus Unternehmen der Energiewirtschaft mit zusammen
ca. 1,5 Millionen Beschäftigten angehörten. Der außergewerkschaftlich organisierte AKE
agierte als Transmissionsriemen zur Vermittlung bestimmter Kapitalstrategien in die
Organisation der Arbeitnehmer und Artikulationsinstrument gruppenspezifischer Interessen
von Teilen der gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten im Energiebereich. Der AKE
stellte ein Novum dar: erstmals wurde von Kapital und Arbeit eine gemeinsame
industriepolitische Interessenvertretung geschaffen. Der AKE hatte Kontakte bis hinein in
höchste Regierungsstellen und fand dort viel Gehör.
Besonders im Herbst 77 trat der AKE durch die
Organisation eines Kongresses hervor, bei dem ca. 1.000 Betriebsräte zusammenkamen,
"um Bundeskanzler Schmidt in Sachen Atomenergie den Rücken zu stärken". Eifrig
bejubelt von den anwesenden Betriebsräten wurden Grußadressen von Helmut Kohl,
Franz-Josef Strauß und Helmut Schmidt, und auf der Referentenliste standen überwiegend
Vertreter des Kapitals (z.B. der KWU-Vorsitzende Barthelt). Auf diesem Kongreß - der von
der konservativen Presse ausserordentlich gelobt wurde - wurde eine Großdemo in Dortmund
für November 77 verabredet, an der 30 - 40.000 MitarbeiterInnen aus der Energiewirtschaft
teilnahmen. Bemerkenswert ist, daß unter dem Druck dieser aussergewerkschaftlich
organisierten Demo die fünf größten Einzelgewerkschaften im DGB und der DGB selbst die
Schirmherrschaft für diese Veranstaltung übernommen hat. Und in der Folge wurde der erst
im April 77 gefasste Beschluss zum "Moratorium" rückgängig gemacht und eine
schnelle Genehmigung der Wiederaufarbeitungsanlage gefordert. Der damalige Vorsitzende der
IG-Chemie, Karl Hauenschildt, formulierte: "Wir kämpfen um die Arbeitsplätze derer,
die mit dem Bau und mit dem Betrieb von Kernkraftwerken beschäftigt sind. Wir kämpfen um
die Arbeitsplätze in den Betrieben, die den Kernkraftwerken vor- und nachgeschaltet sind.
Wir kämpfen auch für die Arbeitsplätze vieler Millionen Arbeiter und Angestellte, deren
berufliches Schicksal abhängig ist von einer gesicherten Versorgung der Betriebe mit
Energie und Rohstoffen."
Der größte Erfolg dieser Veranstaltungen und
des Auftretens des AKE war aber, daß die SPD auf dem Parteitag im November 77 ein
Moratorium für den Bau von AKW ablehnte.
Heinz Brandt und der Atomfilz
In der Gründung des AKE kommt eine Tendenz zum
Ausdruck, die für den Atomfilz charakteristisch ist, nämlich "die Autonomie
betrieblicher Interessenvertretung gänzlich zugunsten einer vermeintlichen
Interessenidentität von Unternehmen und Belegschaften aufzugeben."
Heinz Brandt, bis 74 Redakteur der
IGM-Mitgliederzeitung hatte auf der Brokdorf-Kundgebung im Februar 77 den Atomfilz heftig
kritisiert. (im Kasten: Auszug aus der Rede)
Diese Rede brachte Brandt kurze Zeit später
seitens der IGM-Ortsverwaltung West-Berlin den Antrag auf ein Ausschlußverfahren wegen
"gewerkschaftsschädlichem Verhalten" ein. Brandt selbst erfuhr zunächst nur
aus Zeitungen von dem gegen ihn anhängigen Verfahren. Er vermutete, daß vor allem der
Siemens-Konzern hinter diesem Ausschlussantrag stand, da ein damaliges Mitglied der
IGM-Ortsverwaltung West-Berlin der KWU-Betriebsratsvorsitzende des Werkes Berlin, Klaus
Teske, war. Brandt erfuhr eine Solidaritätswelle von über 10.000 Mitgliedern aus IGM, IG
Druck, GEW und ÖTV. Diese Bewegung und die Intervention von Willy Brandt mag dazu
geführt haben, daß der IGM-Hauptvorstand lediglich eine Mißbilligung gegen Brandt
aussprach, ihn aber nicht aus der IGM ausschloss.
Aktionskreis Leben
Heinz Brandt und andere Gewerkschafter
gründeten als Reaktion auf den Arbeitskreis Energie den Aktionskreis Leben mit dem Ziel,
in den Gewerkschaften und Betrieben selbst den Kampf gegen die Atomenergie aufzunehmen und
dafür örtliche Initiativen zu bilden. Im Gründungsaufruf heißt es: "die Tatsache,
daß Regierung und Konzerne das Atomprogramm gegen den offenen Widerstand breiter
Schichten der Bevölkerung auch mit staatlicher Gewalt durchzusetzen bereit sind, (und)
daß bei einer Atomwirtschaft durch die Sicherheitsrisiken der weiteren Einschränkung
demokratischer Rechte und Freiheiten Tür und Tor geöffnet wird, (...) eine
Herausforderung für die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung dar(stellt)". Darüber
hinaus erlebe man - so der Aufruf weiter - das "traurige Schauspiel (...) daß sogar
innerhalb unserer Gewerkschaftsverbände administrativ gegen engagierte Atomkraftgegner
vorgegangen wird, die den offensichtlichen Mißbrauch gewerkschaftlicher Funktionen im
Interesse der Atomlobby kritisieren."
Allerdings konnte der Aktionskreis Leben nie
die personelle Stärke und Bedeutung wie der AKE erlangen, gleichwohl wurde er in der
Kritik durch den DGB oder die Einzelgewerkschaften mit dem AKE gleichgesetzt. Weder der
DGB noch die Einzelgewerkschaften wollten und konnten länger eine nicht in der
gewerkschaftlichen Struktur verhaftete Nebenorganisation von Betriebsräten dulden, da sie
ihre eigene Schlagkraft und Macht durch die Vertretung von Partikularinteressen, zumal
solchen, die sich einseitig kapitalorientiert gaben, gefährdet sah. Im Laufe des Jahres
78 wurde die Distanzierung zum AKE immer deutlicher und 1980 gründete er sich als
aussergewerkschaftlicher Verein Aktionskreis Energie e.V., der noch bis Ende der 80er
Jahre aktiv war.
Jürgen Siebert

Die
Gewerkschaften im Atomkonflikt der 90er Jahre
Nicht nur in Deutschland sondern weltweit war
zu Beginn der 90er Jahre eine Stagnation, zwischenzeitlich sogar rückläufige Entwicklung
auf dem Weltmarkt für Atomenergienutzung feststellbar. 1990 war das erste Jahr, in dem
überhaupt kein Reaktorbau begonnen wurde und 1992 ging das erste Mal die installierte
Kapazität an Atomkraft zurück. Die Geschäftsleitung der KWU hat wegen der schlechten
Auftragslage seine Eigenständigkeit aufgegeben und wurde als Unternehmensbereich KWU in
die Siemens AG überführt. Noch 1989 wurden von KWU wegen der Aufgabe des Projektes
Wackersdorf von 22.500 Arbeitsplätzen 2.000 abgebaut. Dies brachte dem Management der KWU
von der IG Metall den Vorwurf ein, einen frühzeitigen und umfassenden Umstieg auf
sinnvollere Produktionszweige versäumt und statt dessen borniert am Atomkurs festgehalten
zu haben.
Die Atomenergiepolitik war davon
gekennzeichnet, daß die rot-grünen Landesregierungen versuchten, durch restriktivere
Handhabung der Sicherheitsvorschriften den Atomanlagen den Garaus zu machen. Dies brachte
ihnen in der Regel Ärger mit dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und
Reaktorsicherheit ein (BMU), das per Bundesweisung die jeweiligen Landesregierungen zwang,
Anordnungen zurückzunehmen oder Genehmigungen zu erteilen. Grundsätzlich kann davon
gesprochen werden, daß in der BRD kein energiepolitischer Konsens mehr herrschte.
Das Problem des nicht vorhandenen Konsens in
der Energiepolitik stellte sich auch für die Gewerkschaften in Form von Konflikten
zwischen den Einzelgewerkschaften und innerhalb dieser.
Widerstand gegen Schacht Konrad
Zu Beginn der 90er Jahre beteiligte sich die
IGM-Verwaltungsstelle Salzgitter und ein überwiegender Teil der Belegschaft des VW-Werkes
Salzgitter an der Kampagne gegen den Ausbau der ehemaligen Erzgruppe zum bundesdeutschen
Atommüll-Endlager. Allein im VW-Werk wurden über 4.500 Einwendungen gesammelt. Der
örtliche Betriebsrat führte im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung vor allem das
Arbeitsplatzargument gegen das Endlager ins Feld. Der Belegschaft des VW-Werkes drohe
durch Schacht Konrad nicht nur eine ständige Belastung durch Niedrigstrahlung, da alle
Transporte in unmittelbarer Nähe vorbeigeführt werden, sondern bei einem Unfall müsse
auch das Werk stillgelegt werden.
Dieses Engagement traf innerhalb der
DGB-Gewerkschaften nicht auf vorbehaltlose Zustimmung. So wurde die Eröffnung des
Erörterungsverfahrens zum Endlager Schacht Konrad in einer gemeinsamen Erklärung der
Gewerkschaftsvorsitzenden Berger von der IGBE und Rappe von der IGCPK ausdrücklich
"begrüßt", weil dadurch die Möglichkeit eröffnet werde, "einen
wesentlichen Teil des Entsorgungsproblems zu lösen". Beide Gewerkschaftsvorsitzenden
kritisierten in dieser Erklärung die "polemische Verknüpfung des
Genehmigungsverfahrens Konrad mit der politischen Diskussion um die künftige Nutzung der
Kernenergie, (die) weder gerechtfertigt noch sachdienlich" sei. Nach heutigem
Kenntnisstand spreche "alles dafür, daß der Schacht Konrad für die Aufnahme und
sichere Endlagerung eines Teils des atomaren Abfalls geeignet ist. Es kommt deshalb darauf
an, die Planungen zügig voranzutreiben."
Fusion von IG Bergbau und IG Chemie
Anfang Dezember 91 wurde "über Nacht mit
einem Paukenschlag" ein Fusionsprojekt zwischen den beiden Gewerkschaften bekannt,
das die beiden Vorsitzenden quasi im Alleingang ausgehandelt haben. Bereits bei
Bekanntwerden der Fusionspläne wurde als ein zentrales Motiv der beiden
Gewerkschaftsvorsitzenden vermutet, daß diese in einem politischen Sinne auf den
Energiesektor zielten. Beide Gewerkschaften organisieren Teilbereiche der
Energiewirtschaft, die zusammengenommen für die ÖTV zu einer ernsthaften Konkurrenz
werden würde.
Mit der Fusion kam für die IGBE eine Strategie
zum Ende, die damit begann, daß man versuchte, den vom DGB programmatisch geltend
gemachten Atomausstieg gegen die Erneuerung der Formel "Kohle und Kernenergie"
einzutauschen. Zudem war durch die praktizierte sozialpartnerschaftliche Anpassung des
Steinkohlebergbaus die Mitgliederbasis der IGBE immer dünner geworden. 1991 waren bereits
über 40% der Mitglieder "Rentner" und das Bestreben ging dahin, die
Mitgliederbasis und damit die Einkünfte wieder zu verbreitern. Der begehrliche Blick
richtete sich dabei auf die Mitglieder der von der ÖTV betreuten "leitungsgebundenen
Energiebereich" (Strom und Wasser). Mehrfach hatten einzelne ÖTV-Mitglieder aus
Atomanlagen versucht, in die IGBE zu wechseln, was allerdings aufgrund von
Satzungsproblemen nicht möglich war.
Der hinter diesen Auseinandersetzungen stehende
Organisationskonflikt verschärfte sich nach der "Vereinigung" der BRD und DDR
dahingehend, daß die IGBE versuchte die Tarifzuständigkeit im Osten für den Bereich der
Energiewirtschaft zu erhalten. Erst durch ein Schiedsverfahren wurde die
Organisationszuständigkeit wieder an die ÖTV übergeben.
Noch bevor die Hauptvorstände der beiden
Organisationen IGBE und IGCPK ein Kooperationsabkommen geschlossen hatten, haben die
beiden Vorsitzenden bereits "Energiepolitische Leitsätze" verabschiedet, in
denen sie sich sowohl für den weiteren Einsatz der Atomenergie in der BRD als auch gegen
Fristen für einen Ausstieg aussprachen.
Im Jahre 1997 ist der fünfjährige
Fusionsprozess zwischen der IGCPK, der IGBE und IG Leder abgeschlossen worden; 1,1
Millionen Mitglieder werden nun von der neuen IG Bergbau, Chemie und Energie betreut. Der
Hauptsitz wurde nach Hannover gelegt und Vorsitzender wurde der IGCPK-Vorsitzende
Schmoldt.
Energie-Konsensgespräche 1993
Den Konsensgesprächen gingen seit 1991
informelle Gespräche zwischen dem frischgewählten niedersächsischen
Ministerpräsidenten Schröder und dem Vorstandsvorsitzenden der VEBA voraus. In diesen
Gesprächen wollte die VEBA unter dem heutigen Wirtschaftsminister Werner Müller, der
damals Vorstand der VEBA war, die Probleme erörtern, die sich aus dem programmatisch
festgelegten Atomausstieg der rot-grünen Landesregierung ergaben.
Die VEBA bot den Niedersachsen die Finanzierung
einer Energieagentur an, die nach ihrer Gründung im Mai 1991 landesweit
Energieeinspartechniken und alternative Formen der Energieerzeugung voranbringen sollte.
Allerdings zeigte sich die Landesregierung unfähig, in Bau und Betrieb der im Land
ansässigen Atomanlagen einzugreifen; im Gegenteil: in Gorleben setzte sie die Atompolitik
mit dem Polizeiknüppel durch.
Vor diesem Hintergrund muss die Aufnahme der
Konsensgespräche gesehen werden, die vorbereitet durch Gespräche zwischen Schröder und
den Spitzenmanagern der Stromwirtschaft, mit einem Brief der Vorsitzenden von RWE und Veba
sowie der IG Chemie an Bundeskanzler Kohl ins Rollen gebracht wurden. Die Kernaussage des
Gesprächsangebotes an Kohl fassten die Energiemanager in folgenden Satz: "Wir haben
aus verschiedenen Gesprächen den Eindruck gewonnen, daß die pauschale programmatische
Forderung des Kernenergieausstiegs auf ein geordnetes Auslaufen der heute genutzten
Kraftwerke präzisiert, und zugleich Kernenergie als eine Option für die langfristige
Energiezukunft bei Weiterentwicklung der Kerntechnik sehr wohl akzeptiert werden
könnte."
Das erste Treffen fand im Frühjahr 1993
zwischen Spitzenpolitikern aller Parteien, Vertretern der EVU, der Industrieverbände, der
betroffenen Gewerkschaften sowie zweier Umweltverbände statt. Die an den Gesprächen
beteiligten Vorsitzenden der ÖTV, IGBE und IGCPK waren zugleich Mitglieder in der
sozialdemokratischen Energiekommission, die sich im Februar 93 in Bonn getroffen hat. Für
Rappe (IGCPK) und Berger (IGBE) ging es schlicht und einfach darum, an den alten
Energiekompromiß von 1980 mit einer Arbeitsteilung von Kernkraft und Kohle in der
Stromerzeugung anzuknüpfen. Berger forderte in einer Presseerklärung vor Beginn der
Gespräche nochmals deutlich, nicht nur den Bau einer neuen Generation von AKW zu
befürworten, sondern auch von der SPD zu fordern, den auf dem Parteitag in Nürnberg im
Jahr 1986 gefassten Ausstiegsbeschluss aufzugeben ("So ein Ausstiegsbeschluss tauge
als Grundlage zur Opposition, nicht aber zum Regieren.")
In der ÖTV gab es durch die Konsensgespräche
neue Probleme. Hat man sich 1987 noch zu der Position durchgerungen, den Atomausstieg
politisch zu befürworten und gleichzeitig die Interessen der Beschäftigten in den
Atomanlagen praktisch weiter zu vertreten, kam man in den Konsensgesprächen in eben diese
Zwickmühle. Die ÖTV-Vorsitzende Wulf-Mathies formulierte, daß eine Option für neue
Kernkraftwerke, wie sie sich die EVU vorstellen, weder konsensfähig noch politisch
sinnvoll sei, weil sie Investitionen in alternative Energien hemmen und den Willen zu
einem Verzicht auf Kernenergie unglaubwürdig mache. Die Umstrittenheit der Position
während der Konsensgespräche zeigte sich in Briefwechseln zwischen den in dieser
Angelegenheit gemeinsam agierenden Betriebsratsvorsitzenden der AKW Neckarwestheim,
Obrigheim und Philippsburg mit der ÖTV-Spitze, in dem sich beide Parteien gegenseitig
mangelnde gewerkschaftliche Solidarität vorwarfen.
In der Folge der ersten Konsensrunde, die im
Oktober 93 ohne Ergebnis abgebrochen wurde, haben die AKW-Betriebsräte zwei Konferenzen
veranstaltet, auf denen die unverzichtbare Bedeutung der Atomenergie erneut
heraufbeschworen wurde. Bei beiden Konferenzen waren VertreterInnen des
ÖTV-Hauptvorstandes nicht vertreten.
Die Position der IGCPK spitzte deren
Vorsitzender Rappe dahingehend zu, daß er gegen "anti-industrielle und
technologiefeindliche Trends" innerhalb des DGB polemisierte und feststellte:
"Eine industrielle Produktion ohne Restrisiko ist nicht möglich. Es geht darum, die
Restrisiken nach Maßgabe des jeweils technologisch Machbaren zu minimieren, (...) daher
ist es geboten, mindestens die Option für ein Kernkraftwerk neuen Typs offenzuhalten.
(...) Klar ist jedenfalls, daß mit romantisierenden Ausstiegsgerede kein einziges Problem
gelöst wird."
2. Runde zum Konsens 1995
Ab 1995 mußte die Bundesrepublik nicht
verwertbare Abfälle aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague
zurücknehmen. Diese sollten in Gorleben eingelagert werden und zur Vorbereitung wurde
1994 geplant erste Castor-Behälter aus dem AKW Philippsburg einzulagern. Dieser Versuch
scheiterte am Protest der Bevölkerung und aufgrund von Entscheidungen von
Verwaltungsgerichten, da bei der Beladung der Behälter manipuliert wurde.
Zugleich hat das Bundesverfassungsgericht den
Kohlepfennig als verfassungswidrig erklärt, was den brüchigen Konsens zwischen Kohle und
Kernenergie weiter belastete. Dies alles gab den Ausschlag, im Jahre 1995 - diesmal
allerdings in kleiner Runde nur zwischen den Regierungsparteien und der SPD - eine zweite
Energiekonsensrunde einzuleiten. Im Vorfeld flackerte auch der Organisationskonflikt
zwischen der sich im Fusionsprozeß mit der IGBE befindlichen IGCPK mit der ÖTV erneut
auf. Der IGCPK schien es in diesem Zusammenhang opportun, die nach wie vor innerhalb der
Gewerkschaften, vor allem in der ÖTV strittige Atomenergiefrage in ihrem
Organisationsinteresse zu nutzen. So begründete das IGCPK-Vorstandsmitglied Walter den
Anspruch der neuen Gewerkschaft, auch die Beschäftigten von AKW zu organisieren, nicht
nur mit tarifpolitischen Argumenten, sondern auch mit industrie- und energiepolitischen
Gründen. Auch wenn die Gewerkschaften nicht an dieser 2. Runde teilnehmen durften, so
richtete die ÖTV in Essen kurz vor Beginn der Gespräche eine prominent besetzte
Veranstaltung aus, um auch gegenüber der IGBE demonstrativ den Repräsentationsanspruch
der ÖTV für die leitungsgebundene Energieversorgung zu unterstreichen. Gerhard Schröder
hat auf dieser Veranstaltung bereits eine Ausstiegsfrist von 30 Jahren als einen
vernünftigen Zeitraum bezeichnet und redete statt vom Atomausstieg über das Auslaufen
der heutigen Kernenergienutzung.
Die zweite Konsensrunde ging auch wieder ohne
Ergebnisse zu Ende, vor allem weil die Bundesregierung das Thema Atomenergienutzung mit
der mittelfristigen Kohlefinanzierung zu verbinden, um so von der SPD im Gegenzug für die
Kohlehilfen in deren traditionellen Hochburgen Zugeständnisse bei der Atomenergie zu
erwirken. Zugleich wollte die Bundesregierung nicht nur eine Option zur weiteren
Atomenergienutzung offenhalten, sondern setzte auf einen ausdrücklichen Entscheid
zugunsten der Atomenergie.
Der rot-grüne "Atomausstieg"
seit 1998
Nach der durch SPD und Bündnis 90/Die Grünen
gewonnen Bundestagswahl wurde erstmalig von einer Bundesregierung der Atomausstieg in
einem Koalitionsvertrag vereinbart. Festgelegt wurde, daß zunächst einen neuerliche
Konsensrunde durchgeführt wird, und wenn diese innerhalb eines Jahres nicht fruchtet,
dann soll das Atomgesetz entsprechend geändert werden. Schon vor Beginn der ersten
Gesprächsrunde am 26. Januar wurde von Seiten der Atomwirtschaft mit gewaltigen
Horrorszenarien vor dem Ausstieg aus der Atomenergie gewarnt. Milliardenschwere
Entschädigungsforderungen wurden angedroht; gigantische Arbeitsplatzverluste ins Feld
geführt.
Die Bundesregierung plante die Einstellung der
Wiederaufarbeitung zum Jahr 2000, eine Änderung des Atomgesetzes und die Besteuerung der
ca. 55 Milliarden DM, die die AKW-Betreiber als Rückstellungen bislang steuerfrei für
die Entsorgung der AKW bilden mußten. Im wesentlichen ging der Streit auch um die Frage,
wie schnell der Ausstieg aus der Atomenergie bewerkstelligt werden könnte. Die
Restlaufzeiten der AKW sollten dabei je nach Standpunkt zwischen fünf und 25 Jahren
betragen.
Das erste Treffen wurde dominiert von der
Auseinandersetzung um die Beendigung der Wiederaufarbeitung. Der Vorschlag von
Bundesumweltminister Trittin, die Wiederaufarbeitung zum 31.12.1999 zu beenden, hat die
Energiewirtschaft mit Hinweis auf die bestehenden Verträge und die daraus bei
Nichterfüllung resultierenden Entschädigungszahlungen an die WAA-Betreiber in Frankreich
und Großbritannien heftig zurückgewiesen. Interessant nur, daß die Verträge gerade
für den Fall keine Entschädigungszahlung vorsehen, wenn aufgrund übergeordneter Gründe
die Verträge nicht erfüllt werden können.
Die Betreiber fürchteten vielmehr, daß ihnen
mit dem Verbot der Wiederaufarbeitung ein wichtiger vom Atomgesetz vorgeschriebener Weg
der Entsorgung der Brennelemente verschlossen worden wäre (,Verstopfungsstrategie").
Damit aber wäre die Genehmigung zum Weiterbetrieb der AKW relativ schnell erloschen, da
die Kapazitäten der Abklingbecken an den Standorten nicht ausreichen, um längerfristig
die abgebrannten Brennstäbe aufzunehmen. So ist z.B. im AKW Stade diese Kapazität
bereits erschöpft und für den nächsten Brennelementwechsel müssen vorher Brennelemente
abtransportiert werden. Das Treffen endete mit der Einrichtung von Arbeitsgruppen, die
Lösungen für die unterschiedlichen Fragen erarbeiten sollten.
Die Bundesregierung stellte in Aussicht, bis
zur nächsten Sitzung gesonderte Gespräche mit den Muttergesellschaften der
AKW-Betreiber, den Industrieverbänden, den Gewerkschaften und den Umweltverbänden zu
führen.Begleitet wurden diese Gespräche von einer Demonstration von tausenden
Betriebsangehörigen.
Treffen zwischen Bundesregierung und
"Muttergesellschaften" am 09.03.99
Am 09.03. fand in Bonn das Treffen zwischen den
Vorstandsvorsitzenden der Muttergesellschaften der AKW-Betreiber und der Bundesregierung
statt. Überschattet wurden diese Gespräche von den kurz vorher getroffenen Beschlüssen
der Regierung, die Rückstellungen für die Entsorgung der AKW zukünftig zu besteuern. Da
es über die Höhe der Belastung für die AKW-Betreiber unterschiedliche Angaben gab,
wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die eine genauere Bewertung dieses Beschlusses
vornehmen soll und mögliche Änderungsansätze erarbeiten soll.
Anzumerken ist, daß die bislang steuerfreien
Rückstellungen für die Konzerne eine Begünstigung darstellen und sie deshalb aus Sicht
von ROBIN WOOD nicht von einer Belastung reden können. Zumal diese Rückstellungen
vielfach als "Kriegskasse" für den Kauf von Unternehmen eingesetzt wurde. So
haben sich z.B. die Energieversorger erst milliardenschwer in die Müllentsorgung, dann in
die Telekommunikationswirtschaft eingekauft. Ohne die Rückstellungen wären diese
Schritte eine wesentlich größere finanzielle Belastung für die Konzerne gewesen.
Demo der Gewerkschaften am 09.03.99 in
Bonn
Zeitgleich mit den zuvor dargestellten
Gesprächen haben ca. 30.000 Mitarbeiter/innen der Energieunternehmen auf Aufforderung der
Gewerkschaften IG Bergbau, Chemie, Energie und der ÖTV in Bonn für den Erhalt der
Atomkraftwerke demonstriert.
Treffen zwischen Industrieverbänden,
Gewerkschaften und Regierung am 11.03.99
Über die getrennten Treffen zwischen den
Industrieverbänden und den Gewerkschaften mit der Bundesregierung ist in der
Öffentlichkeit nichts wesentliches bekannt geworden.
Soweit die Darstellung der Geschichte der
Gewerkschaften in der Frage der Nutzung der Atomenergie.
Im Folgenden soll nun noch die Rolle der
GewerkschafterInnen in den Aufsichtsräten der Unternehmen beleuchtet werden.

Der
Weg der Gewerkschaft in die Aufsichtsräte
Mit dem "Gesetz über die Mitbestimmung
der Arbeitnehmer in den Aufsichtsräten und Vorständen der Unternehmen des Bergbaus und
der Eisen und Stahl erzeugenden Industrie" (kurz: Montan-Mitbestimmungsgesetz) vom
21. Mai 1951 gelang es den Gewerkschaften in Unternehmen der Montanindustrie mit mehr als
1.000 Beschäftigten eine paritätische Vertretung in den Aufsichtsräten dieser
Unternehmen. Somit stellen die Kapitalgeber bzw. Anteilseigner die Hälfte und die
Belegschaft die andere Hälfte der Mitglieder des Aufsichtsrates.
Die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat werden
einerseits von den Betriebsräten in den Unternehmen vorgeschlagen, andererseits durch
gewerkschaftliche Spitzenverbände. Ihre Wahl wird auf den jährlich stattfindenden
Hauptversammlungen (Treffen aller Anteilsbesitzer) der Unternehmen bestätigt; die
Hauptversammlung ist an die Vorschläge gebunden. Die KandidatInnen der Gewerkschaften -
die nicht ArbeitnehmerIn des Betriebes sind - werden in Absprache mit dem Betriebsrat
vorgeschlagen; allerdings hat der Betriebsrat kein Vetorecht.
Damit der Aufsichtsrat - aus Sicht der
Kapitalgeber - handlungsfähig bleibt, erhält häufig der Aufsichtsratsvorsitzende ein
doppeltes Stimmrecht, so daß die ArbeitnehmerInnen-Seite überstimmt werden kann. Es
besteht allerdings auch die Möglichkeit, eine weitere Person von Seiten der
KapitalgeberInnen in den Aufsichtsrat zu wählen.
Im Vorstand können die ArbeitnehmerInnen über
den Arbeitsdirektor Einfluß auf die Geschäftsführung eines Unternehmens nehmen. Dieser
Arbeitsdirektor ist ein gleichwertiges Vorstandsmitglied und kann nicht gegen die Mehrheit
der ArbeitnehmerInnen-VertreterInnen im Aufsichtsrat berufen oder abgesetzt werden.
Das Montan-Mitbestimmungsgesetz war bei seiner
Einführung sehr umstritten, die Gewerkschaften drohten Kampfmaßnahmen an. In den
Nicht-Montan-Unternehmen wurde durch das 1952 verabschiedete Betriebsverfassungsgesetz die
Drittelbeteiligung der ArbeitnehmerInnen in den Aufsichtsräten eingeführt.
Erst 1976 wurde durch das Mitbestimmungsgesetz
die paritätische Mitbestimmung auch in Nicht-Montan-Unternehmen eingeführt. Auch dieses
Gesetz war heftigst umstritten und führte zum schon genannten doppelten Stimmrecht des
Aufsichtsratsvorsitzenden, das vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) vehement abgelehnt
wurde. Doch der ehemalige Vorsitzende der IG Chemie - Hermann Rappe - war damals Mitglied
der Mitbestimmungskommission in der SPD und stimmte dem Gesetz zu und so war der Weg für
die Verabschiedung gebahnt.
Die Arbeitgeber und die Deutsche
Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz, deren Präsident heute der F.D.P.-Mann Otto Graf
Lambsdorff ist - legten 1977 Verfassungsbeschwerde gegen das Mitbestimmungsgesetz ein,
denn es verletze das grundgesetzlich geschützte Eigentum. Die Verfassungsrichter wiesen
diese Beschwerde ab, da durch das doppelte Stimmrecht des Aufsichtsratsvorsitzenden, der
von den AnteilseignerInnen gestellt wird, ein Übergewicht der EigentümerInnen vorhanden
sei.
Auf Grundlage des Mitbestimmungsgesetzes sitzen
nach einer Schätzung von JÜRGEN GAULKE ca. 5.000 ArbeitnehmervertreterInnen in den
Aufsichtsräten, davon allein ca. 1.500 außerbetriebliche GewerkschafterInnen,
"meist Gewerkschaftsvorstände oder leitende Angestellte unterhalb des
Vorstandes." (Gaulke: Der Klub der Kontrolleure, S.115)
... war nicht immer unumstritten!
Der Mitbestimmung der ArbeitnehmerInnen durch
ihre VertreterInnen in den Aufsichtsräten setzten die AnteilseignerInnen nach
Verabschiedung des Mitbestimmungsgesetzes gleich Grenzen. So wurden z.B. Ausschüsse
eingerichtet, in denen die ArbeitnehmerInnen nicht vertreten sind. Nach GAULKE haben 39%
der Unternehmen Ausschüsse eingesetzt, die zu 91% auch entscheidungsbefugt sind und in
denen zu 46% die AnteilseignerInnen die Mehrheit stellen und in 59% der Fälle führt der
Aufsichtsratsvorsitzende auch den Ausschussvorsitz. (vgl. Gaulke, S.117)
Weiterhin wurde der Katalog der
zustimmungspflichtigen Geschäfte eingegrenzt. Diese Zustimmungspflicht wird im Übrigen
von der Hauptversammlung, in der häufigst die Banken die Mehrheit haben, geregelt. Diese
Maßnahmen führten zu einer Entmachtung des Aufsichtsrates. Aber es scheint auch so
gewünscht zu sein. Dazu der jetzige Vorsitzende des Aufsichtsrates der Deutschen Bank AG
Hilmar Kopper: "Wichtige richtungsweisende Maßnahmen sind mit dem Aufsichtsrat zu
besprechen. Das geschieht jedoch immer weniger, da die Hälfte der Aufsichtsratsmitglieder
Angestellte oder Gewerkschafter sind. Seit Einführung der Mitbestimmung sind die
Aufsichtsräte lange nicht mehr so kompetent." (zitiert nach Gaulke, S.124)
Aber auch innerhalb der Gewerkschaften ist das
Mitbestimmungsgesetz wegen seiner fehlenden Wirksamkeit und tatsächlichen Einflußnahme
umstritten. Zum einen habe das Mitbestimmungsgesetz wegen des doppelten Stimmrechts des
Aufsichtsratsvorsitzenden keine tatsächliche Parität gebracht und die reinen
Informationen würden die Arbeitnehmer auch ohne die scheinbar paritätische Mitbestimmung
erhalten; dagegen würden durch die Parität die ArbeitnehmerInnen viel stärker mit in
Verantwortung gezogen für Entscheidungen, die die KapitalgeberInnen treffen. Zum anderen
sehen viele ArbeitnehmerInnen-VertreterInnen ihre Tätigkeit im Aufsichtsrat als
Karrieresprungbrett und sind in die Hierarchie durch materielle Verlockungen (z.B.
Dienstwagen, Handy etc.) eingebunden.
Lockruf des Geldes - Tantiemen
Für ihre Tätigkeit in den Aufsichtsräten und
Beiräten der Aktiengesellschaften erhalten die Mitglieder eine Entschädigung, die
sogenannten Tantiemen. Grundsätzlich können die Vergütungen für die Tätigkeit im
Aufsichtsrat als feste Jahresvergütung oder als Grundvergütung mit zusätzlichem
gewinnabhängigen Teil gewährt werden. Jedes Aufsichtsratsmitglied erhält im Grunde den
selben Betrag, der Vorsitzende erhält häufig die doppelte Summe.
Der 10. ordentliche Bundeskongreß der DGB im
Jahre 1975 hat beschlossen, daß 12 bis 15% sowie die Entschädigungen, die über 6.000 DM
bei einfachen Aufsichtsräten, über 9.000 DM bei stellvertretenden Vorsitzenden und
12.000 DM bei Aufsichtsratsvorsitzenden liegen, an die gewerkschaftseigene
Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf abgeführt werden sollten.

Schlampereien
und Gesetzesverstöße im Atomkraftwerk Isar 1
Die Leiharbeiterstory
Vor dem Hintergrund des fast schon vergessen
Castor-Skandals und der fieberhaften Neuorganisation innerhalb der Atommüllschieber, trat
Max Kerbel (Name geändert) als einer von 6 600 Leiharbeiter in Deutschland im
September letzten Jahres an die Öffentlichkeit. Er hatte genug davon, daß es der
Atommafia erneut gelingen sollte, ihre Skandale klein zu reden und aus satten
Kontaminationen harmlose unbedeutende Fliegenschisschen zu machen. "Denn der
eigentliche Skandal", so Kerbel, "spielt sich im Inneren der scheinbar sauberen
Atomkraftwerke ab." Im Rahmen einer Pressekonferenz wollte er deshalb die
Schlampereien und Gesetzesverstöße in den Atomreaktoren aufdecken und darüber
berichten, für welche Drecksarbeit Menschen, die zum Teil nicht einmal lesen und
schreiben können, angeheuert werden.
Max Kerbel weiß wovon er spricht. Als
Mitarbeiter der Firma Dekonta Industriedienste GmbH Entsorgung Strahlenschutz
Werkstoffprüfung, München, einer Tochter der Isar-Amperwerke, war er von 1993 bis 1996
in verschieden deutschen Atomkraftwerken für die Dekontamination und Trennung und
Verpackung von Atommüll eingesetzt. Während der großen Revision im AKW KKI 1, im Sommer
1994, stellte sich bei ihm ein lebensbedrohlicher Zustand ein, der ihn letztlich
arbeitsunfähig machte. Seit drei Jahren kämpft Kerbel um die Anerkennung seiner
Krankheit als Berufskrankheit.
Zum Schutz des Leiharbeiters vor Repression
wurden die MedienvertreterInnen mit der Einladung ausdrücklich gebeten, die Anonymität
von Kerbel zu gewährleisten und auf Bildaufzeichnungen zu verzichten. Aber der Arm der
Atommafia reicht bekanntlich weit hinein in Regierungen und Redaktionen. So stellte sich
im Nachhinein heraus, daß die Landshuter Zeitung die Einladung zur Pressekonferenz
schnurstracks an die Bayernwerktochter OBAG weiterleite und diese ihren Pressesprecher
zur Pressekonferenz entsandte. Die OBAG ist mit 10 Prozent am Atomkraftwerk KKI 2
beteiligt.
Die Schilderungen von Kerbel machen betroffen.
So mußte er zusammen mit seinem zwischenzeitlich an Krebs erkrankten Kollegen in einem
staubigen und nach Fisch stinkenden Kellerraum des Siedewasserreaktors KKI 1
leichtradioaktiven Atommüll trocknen, sortieren und pressen. Über eine Rutsche wurden
Säcke mit strahlenden Metallteilen, Lappen, Glaswolle und feuchten Mörtel ins sogenannte
Abfalllager geschoben. Die Säcke wurden gemessen, dann aufgerissen, nach brennbaren und
nicht brennbaren Material sortiert, in Fässer abgefüllt und zu Ballen gepresst. Feuchter
kontaminierter Mörtel wurde in einem frei im Raum stehenden Ofen getrocknet. Der
zulässige Grenzwert von 2mSv/h wurde im Sommer 94 zum Teil um das 35-fache
überschritten. "Da war Material dabei, das gleich in den Sperrbereich gehört
hätte", sagte Kerbel. Ohne ausreichende Schutzkleidung, ohne Fremdluftversorgung
mußte er unter diesen skandalösen Arbeitsbedingungen 10 Stunden pro Schicht im
Kellerloch schuften. Einen Aerosolmelder gab es dort nicht.
"Am schlimmsten aber war die Arbeit im
Reaktorbecken. Ich kam mir vor wie in Tschernobyl", sagte Kerbel, als er zusammen mit
seinen Kollegen nach der Entnahme der Brennstäbe den Beckenboden mit Gummischiebern
reinigen mußte. Überall lagen hochradioaktive schwarze Absplitterungen von den
Brennelementen, die natürlich auch im Kühlkreislauf des Siedewasserreaktors kursierten.
Normalerweise trägt man zu dieser Arbeit Gummistiefel mit Bleiplatten und mindestens
einen Mundschutz mit Aktivkohle. Im AKW KKI 1 nicht. Als dann noch die Wände mit
Hochdruckstrahlern abgesprüht werden mußten, entwickelte sich ein derartiger
Wasserdampf, daß von verantwortlicher Stelle gesagt wurde: "Das nächste Jahr nehmen
wir dazu Maschinen."
Für all seine Behauptungen kann Kerbel Zeugen
benennen. Ein Gutachten der Bau-Berufsgenossenschaft Bayern/Sachsen bestätigt außerdem
seine Beschuldigungen. Dennoch schickte die Bayernwerk AG dem BZ-Journalisten, Frank
Nordhausen, folgendes Fax:
"Ihre Anfrage bezüglich der
heutigen Pressekonferenz in Regensburg beantworten wir wie folgt: Eine Stellungnahme zu
den abstrusen Behauptungen verbietet sich von selbst. Dies gilt insbesondere vor dem
Hintergrund, daß keines der bei der Pressekonferenz anwesenden Medien davon etwas für
berichtenswert hält."
In diesem Punkt hatten sich die Bayernwerke
allerdings getäuscht. Bis auf die Süddeutsche Zeitung, bei der die Bayernwerke auch
angerufen hatte, berichteten alle anwesenden MedienvertreterInnen. Wie gesagt, der Arm der
Atommafia reicht weit hinein in Regierungen und Redaktionen.
Es erstaunt deshalb nicht, daß Max Kerbel am
Regensburger Bahnhof prompt von der Bahnpolizei kontrolliert wurde. Die Einführung der
Schleierfahndung, die sogenannte verdachts- und ereignisunabhängigen Kontrolle, machte
die Identifizierung des Leiharbeiters letztendlich möglich.

Ende |