| II. PKA-Hearing in
Hannover - Sicherung des Weiterbetriebes statt Sicherung der Bevölkerung PKA: Genehmigung für alle Fälle
Auf Einladung des Niedersächsischen
Umweltministers Wolfgang Jüttner trafen sich am 3. Mai Vertreter von
Atomentsorgungsfirmen, Genehmigungsbehörden und Wissenschaftler zum Thema
Pilotkonditionierungsanlage (PKA) Gorleben in Hannover.
Grund: Die Gesellschaft für Nuklearservice (GNS)
drängt mit dem Antrag auf die 3. Teilerrichtungsgenehmigung (TEG) zur Aufnahme des
"heißen Betriebs" der Atomverpackungsanlage. Nach Auskunft des GNS-Chefs
Wolfgang Hawickhorst bleibt es bei den schon 1986 formulierten Betriebszwecken: Verpacken
von Brennelementen in endlagerfähige Polluxbehälter, "Optimierung" der
Lagerkapazitäten in größeren Castorbehältern und Reparaturservice für die
Zwischenlager.
Kritische Wissenschaftler, wie der
Endlagerexperte Helmut Hirsch und Wolfgang Neumann von der Gruppe Ökologie sehen
die Konditionierung abgebrannter Brennelemente in engem Zusammenhang mit der
Endlagerfrage. Da bisher weder ein Ort für ein Endlager, die Wahl des geeigneten
Wirtsgesteins, noch die damit verbundenen Anforderungen an einen Endlagerbehälter
geklärt seien und eine entsprechende Entscheidung erst 2030 endgültig zu erwarten
wäre, sei die PKA zum jetzigen Zeitpunkt überflüssig. Helmut Hirsch: "Eine
´3-f-Anlage´: falsche Anlage am falschen Ort zur falschen Zeit." Wer eine solche
Anlage direkt auf den Salzstock Gorleben stelle, könne nicht mehr behaupten, daß dort
"ergebnisoffen" erkundet würde.
Michael Sailer, neues Mitglied der
Reaktorsicherheitskommission und Atomexperte des Öko-Institutes fordert daher im Einklang
mit Trittins oberstem Beamten im Bundesumweltministerium (BMU), Wolfgang Renneberg, nur
die Erteilung einer Genehmigung für den kalten Betrieb zu "Instandsetzungsmaßnahmen
an Castorbehältern". Sailer: "Was die Behältersicherheit angeht, traue ich den
Castoren keine 40 Jahre". Wolfgang Ehmke erinnerte für die BI Lüchow-Dannenberg
daran, daß die uneingeschränkte Behältersicherheit seinerzeit Genehmigungsvoraussetzung
für das Zwischenlager in Gorleben war. "Wenn die Behälter jetzt plötzlich auch aus
Sicht der Behörden so unsicher sind, dürfen sie nicht mehr benutzt und keine
Zwischenlager mehr betrieben werden", konterte Ehmke.
Selbst wenn man in Sailers Logik von der
Notwendigkeit einer Reparatureinrichtung bliebe, ohne gleichzeitig das gesamte
Zwischenlagersystem inklusive der Behältertechnik zur Disposition zu stellen, müßten
die anderen Zwischenlager in Ahaus und Gorleben aus den gleichen Sicherheitserwägungen
schnellstens eine Reparatureinrichtung erhalten. "Rot-Grün in Bonn redet mit den
Serviceleistungen einen Betriebszweck der PKA herbei, wo zugleich überdeutlich wurde,
daß die Anlage zum jetzigen Zeitpunkt völlig unnütz ist", wirft BI-Sprecher
Wolfgang Ehmke den Bonnern vor.
Angesichts von 400 t abgebrannter Brennelemente
aus bundesdeutschen AKW´s pro Jahr und absehbaren Restlaufzeiten von weiteren 25 Jahren
sei mit 1.000 zu lagernden Castorbehältern zu rechnen, erklärte Hawickhorst für die
GNS. Angesichts dieses Potentials müsse man in puncto Sicherheit die "Gürtel plus
Hosenträger-Strategie" fahren, falls doch mal etwas passiere.
Auch wenn die GNS derzeit ohne hochradioaktive
Brennelemente mögliche künftige Betriebsabläufe üben wolle, wird der heiße Betrieb
beantragt. Kräftigstes Argument der Betreiber: die Investitionskosten in Höhe von
800 Mio. Mark. Deshalb: Genehmigung "für alle Fälle". Die
Gorleben-Gegner/innen halten dagegen, daß die angestrebte "Optimierung der
Zwischenlagerung" als neuem Betriebszweck einzig auf noch mehr Castortranporte nach
Gorleben, ein ständiges Um- und kompakteres Beladen von Großbehältern, die dann im
Zwischenlager aufgestellt würden, hinausliefe. Mit einer "Pilot"anlage oder
"Konditionierung" habe das nichts mehr zu tun, faßt die BI zusammen. Eine
Genehmigung der Atommüllfabrik würde mit Sicherheit den heissen Betrieb nach sich
ziehen, auch wenn die GNS heute das Gegenteil behaupte.
Tatsächlich scheint sich die Atomwirtschaft mit
der Genehmigung der PKA möglichst viele Optionen für die Verbringung von Atommüll
offenhalten zu wollen. So könnte die PKA das Dilemma der vollen Lagerbecken in den
Altanlagen Stade und Biblis beseitigen. Hier bestehen bisher nur Einrichtungen zur
Beladung von reinen Transportbehältern mit Ziel Wiederaufarbeitung. In der PKA könnten
die Brennelemente aus den Transportbehältern in große, zwischenlagerfähige
Castorbehälter umverpackt werden. Bei einem eventuellen Verbot der Wiederaufarbeitung
müßten diese Anlagen dann nicht wegen Transportproblemen vom Netz gehen.
Mit der Pilotkonditionierungsanlage würde im
Wendland 22 Jahre nach der Standortbenennung für ein Nuleares Entsorgungszentrum die
erste Atomanlage (abgesehen von den Zwischenlagereinrichtungen) in Betrieb gehen,
die über den Abluftschornstein und ein Abwassereinleitungsrohr in die Elbe radioaktive
Emissionen an die Umwelt in großem Stil abgibt.
Das BMU sieht die Zuständigkeit im Falle der
PKA-Genehmigung beim Niedersächsischen Umweltministerium. Wolfgang Jüttner sieht
jedoch seine Hände durch den Vertrag seiner Vorgängerin Monika Griefahn mit der GNS aus
dem Jahre 1996 gebunden. Dort hatte sich das NMU zur "positiven" Behandlung der
Genehmigung verpflichtet und fürchtet bei Nichterfüllung Schadensersatzforderungen in
Millionenhöhe. Nun wäre es nicht das erste Mal, daß das Bundesumweltministerium eine
Landesbehörde per Weisung maßregelt, in diesem Fall die Genehmigung verbietet. Doch
diese Option weist Renneberg für das BMU weit von sich: "Dann hat der
Bundeshaushalt die Entschädigungsforderungen am Hals".
Ausgerechnet am 19. Jahrestag der Gründung der
"Republik Freies Wendland" auf der Tiefbohrstelle 1004, dem heutigen
Endlagerkomplex, scheint damit der weitere Ablauf in Gorleben vorgezeichnet. Die PKA ginge
in Betrieb und präjudiziert damit den Endlagerstandort Gorleben. "Wenn unsere
Bedenken in puncto Sicherheit beim Gesetzgeber kein Gehör finden, werden wir eben weiter
den Bereich ´Sicherung´ der Transporte beackern", erklärt Wolfgang Ehmke für die
BI. "Denn eine Inbetriebnahme der PKA als zentrale Umverpackungs- und
Reparaturstelle führt unweigerlich zu noch mehr Transporten. Die werden wir
blockieren".
Die Frage, ob noch in diesem Jahr mit einem
Castortransport aus der WAA La Hague nach Gorleben zu rechnen sei, konnte der Vertreter
aus den Bumdesumweltministerium nicht beantworten. "Ich kann hier nicht für die
Bundesregierung sprechen", erklärte Renneberg und betonte gleichzeitig die
moralische Pflicht zur Rücknahme von deutschem Atommüll. Auch Castortransporte aus
deutschen AKW´s in die WAA´s in Frankreich und Großbritannien wollte Renneberg nicht
ausschließen. Man wolle den Weiterbetrieb der Atomanlagen aber keinesfalls begünstigen,
es gelte nach wie vor die Austiegsprämisse.
Wer in Bonn die Entscheidungen trifft, machte
Renneberg beim Thema Endlager deutlich: Ein von Trittin bereits für Ostern angekündigter
Baustopp bei den Endlagerarbeiten in Gorleben werde weiterhin geprüft und sei
"wissenschaftlich und technisch" geboten. Wegen der zu erwartenden
Schadensersatzforderungen müsse allerdings die Zustimmung aus dem
Bundeswirtschaftsministerium abgewartet werden.
Mathias Edler

Verhindert
Denkmalschutz den Abriß des 125 jährigen Bauwerks? - Stahl porös
Nur neue Brücke wäre
Castorfest
Sichtbar hat der Zahn der Zeit an der
Eisenbahnbrücke genagt, die unweit Seerau/Hitzacker den Zugverkehr über die
Jeetzel erlaubt: seit 1874. Für Castor-Transporte ist sie nicht mehr stark
genug. befanden Experten: die Atommüll-Bottiche dürfen nicht mehr
drüberfahren. Ob sie je wieder Seerau passieren werden, ist noch nicht entschieden.
Die Zukunft der Strecke als Castor-Linie hängt davon ab, ob die historische Brücke
abgerissen wird oder nicht.
Weil die alte Stahlkonstruktion heutzutage schon
gewissen Seltenheitswert hat und aus den Anfangstagen der Eisenbahnzeit
stammt, hatte der Landkreis Lüchow-Dannenberg angeregt, das Bauwerk als Denkmal
anzuerkennen. Ende März befand das Landesamt für Denkmalpflege: Die Brücke ist
ein Baudenkmal! Ein solches darf aber nur in Ausnahmefällen abgerissen werden.
Denkbar wäre es nun, die alte Brücke durch
gründliche Reparaturen wieder castorfest zu machen. Aber, so berichtete
Kreisbaudezernent Jürgen Weinold der EJZ auf Anfrage: Die Deutsche Bahn hat
Untersuchungen in diese Richtung veranlaßt, und deren Ergebnis laute: Eine
Instandsetzung ist mit vertretbarem Aufwand nicht mehr machbar. Der Brückenstahl
sei porös, lasse sich nicht mehr schweißen, besagt das von der Bahn
vorgelegte Gutachten. Auch eine Stabilisierung der Brücke durch das
Unterziehen zusätzlicher Träger sei nicht möglich. Das Konzept der Bahn lautet
deshalb: Abreißen - und nicht neu bauen. Dem aber steht, wenn's nicht eine
Sonergenehmigung gibt, der Denkmalschutz entgegen. Wie es weitergeht in Sachen
Brücke, dabei hat der Landkreis ein wichtiges Wort mitzureden. Die Kreisverwaltung
wird die Angelegenheit nun gründlich prüfen.
Personenzüge dürfen nach wie vor über die
Brücke fahren, allerdings nur ganz langsam, mit 20 km/h. Aber, so meint
Baudirektor Jürgen Weinold, in fünf bis 15 Jahren könnte es soweit sein, daß die
Eisenbahnbrücke auch für den Personenverkehr nicht mehr tauglich ist. Es müsse
daher nach einer Lösung gesucht werden, die dem Wunsch entgegenkommt, die Strecke
zu erhalten und auch für den Güterverkehr nutzbar zu machen - nicht nur für
Castor-Behälter
Hagen Jung
(aus: EJZ vom 3.5.99)
[Redaktionelle Nachbemerkung der aaa:
Die früher vorhandene zweite Castor-Strecke Uelzen-Dannenberg ist seit 1996
stillgelegt. Sie kann ohne aufwendige Reparaturmaßnahmen nicht mehr benutzt
werden. Theoretisch ist denkbar, daß Castor-Behälter bereits vor der Seerauer
Jeetzel-Brücke mittels eines mobilen Autokrans auf Straßentransporter umgeladen
werden. In den 80er Jahren wurde dieses Verfahren mit einem leeren Behälter
getestet. Auch ein vom Osten anrollende Straßentransport vom Bahnhof Geestgottberg
- südlich von Wittenberge - ist schonmal ohne heißen Castor ausprobiert
worden. Allerdings haben alle abweichenden Straßentransport-Varianten den Nachteil,
daß die von der Polizei zu sichernde Strecke weitaus länger als die bisher
üblichen 18 km von Dannenberg nach Gorleben wäre. Der vor Monaten
angekündigte weitere Ausbau des Castor-Veraldekrans in Dannenberg liegt
gegenwärtig auf Eis.]

Dreizehn Jahre
nach Tschnobyl - Atomausstieg in Osteuropa? Europäisches Forum in Dresden vom
30.04.-02.05.1999
Frage an den Westen: Wo wart
Ihr?
Der Ausstieg aus der Nutzung der
Atomkraft in Deutschland und Westeuropa ist eine Frage des Wie und Wann geworden, die
Tendenz offensichtlich unumkehrbar. Aber selbst mit einem möglichen Ende der
Atomenergieerzeugung in Deutschland sind weder die Gefahren aus dieser Technologie
gebannt, noch die Fragen einer nachhaltigen Energienutzung und Energieversorgung
beantwortet.
Während der Atomausstieg in Deutschland
zumindest in den Medien Schlagzeilen gemacht hat, drohen die energiepolitischen Szenarien
in Osteuropa und deren Abhängigkeit von den Trends im Westen aus dem Auge zu geraten.
Dabei stehen in den nächsten Jahren in Osteuropa energiepolitische Entscheidungen von
unerhörter Tragweite an. So werden derzeit mehrere atomare Großprojekte geplant und
teilweise bereits realisiert, vorhandene Kraftwerke nachgerüstet und somit für lange
Zeit eine Energieversorgung auf der Basis von Atomkraft scheinbar festgelegt: Gleichzeitig
wächst der Widerstand.
Was wissen wir eigentlich von den atomaren
Plänen und Großprojekten in unseren Nachbarländern jenseits unserer
Medienöffentlichkeit? Werden wir statt in Deutschland Atomstrom zu produzieren, Atomstrom
aus Tschechien und der Ukraine importieren? Verlagern wir unsere Probleme nur oder ist
unser Ausstieg auch eine richtungweisende Entscheidung für die Länder des ehemaligen
Ostblocks? Wie läuft die Auseinandersetzung über die Atomkraftnutzung in Osteuropa?
Welche Interessen haben deutsche Unternehmen bei der energiepolitischen Neustrukturierung
in Europa? Wie kann deutsche Politik Einfluß auf die Entwicklung bei unseren Nachbarn
nehmen?
Fragen, Fragen, Fragen ...
auf die Antwort zu geben Anti-Atom-Engagierte aus
Osteuropa und Deutschland als Referenten eingeladen waren:
- Alexander Byelyakov - freier Journalist, der
sich in mehreren Veröffentlichungen mit den Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl
beschäftigte,
- Mikolai Meliouk - Mitglied der "Radikalen
Ökologisten", die sich gegen den Bau eines Atomkraftwerkes in Weißrußland
einsetzen,
- Josef Pühringer - Geschäftsführer der
Oberösterreichischen Plattform gegen Atomgefahr,
- Vladimir Slivyak - Sprecher der russischen
Anti-Atom-Kampagne "Ecodefence", langjährig in der Anti-Atom-Bewegung engagiert
und einer ihrer führenden Aktivisten,
- Dalibor Strasky - Leiter des ökologischen
Zentrums "Calla" in Ceske Budejovice und Berater des Umweltministers in
Tschechien,
- Sebastian Pflugbeil - Doktor der Physik und
Vorsitzender des Vereins "Kinder von Tschernobyl e. V." und
- Andreas Lämmermann von der
SIEMENS-Boykottkampagne.
Kurzer Abriß der Beiträge:
Die Russische Anti-Atom-Bewegung
Als in der Sowjetunion die ersten
Anti-Atom-Gruppen nach der Tschernobyl-Katastrophe in Erscheinung traten, war es eine
Massenbewegung von Millionen Menschen, die ihren Protest in Demonstrationen zum Ausdruck
brachten. Seit 1991 nahm die Zahl der Aktivisten rapide ab, sie verringerte sich auf
einige hundert Leute, die immer noch in Rußland und den anderen neuen unabhängigen
Staaten, die aus der UdSSR hervorgegangen sind, gegen Atomkraft aktiv sind. Sie arbeiten
heute so effektiv wie nie zuvor - die Atomindustrie sieht sich einer mittlerweile sehr
professionell arbeitenden Bewegung gegenüber, welche im Kampf gegen die Weiterentwicklung
der Atomtechnologien bereits einige Erfolge verzeichnen konnte:
- Im November 1995 organisierten Anti-Atom-Aktivisten in Kostroma
ein lokales Referendum: Die Bevölkerung wurde befragt, ob das AKW im Gebiet von Kostroma
gebaut werden soll. 87,4% sprachen sich gegen die geplante Nukleartechnologie aus.
- Die russische Atomindustrie führte regelmäßig Transporte
radioaktiven Materials über den Seeweg von Kaliningad aus ins Ausland durch. Aktivisten
von ECODEFENSE! starteten im Zeitraum Juli/ August 1996 eine Kampagne gegen diese
Transporte, infolge derer ein mit Uraniumhexafluorid beladenes Schiff, nach dem Versuch,
den Hafen von Kaliningrad anzulaufen nach zwei Wochen umkehren mußte. Im darauffolgenden
Prozeß der Atomindustrie gegen ECODEFENSE! ergab die Untersuchung des Oberstaatsanwaltes,
daß der Transit radioaktiven Materials durch Kaliningrad mehrere russische Gesetze
verletzt - das Verfahren wurde eingestellt. Die Transporte sind endgültig im November
1998 durch ein vom Parlament verabschiedetes Gesetz über die nukleare Sicherheit von
Kaliningrad gestoppt worden.
Schwerpunktprobleme:
- Atommüllverschiebung aus Deutschland nach Rußland (dazu
existieren Geheimverträge), die durch Gesetzesänderungen legalisiert werden soll
- Atomstromimporte nach Deutschland zur Schuldentilgung oder zur
Finanzierung von Lieferkrediten, welche den Weiterbetrieb der Reaktoren in Rußland
legitimiert
- Vereinbarung zwischen Deutschland, Frankreich und Rußland über
den Bau des europäischen Druckwasserreaktors EPR in Smolensk
- aufgrund einer Abrüstungsvereinbarung zwischen den USA und
Rußland, steht Rußland vor dem Problem, 50 Tonnen Plutonium unschädlich machen zu
müssen, dafür gibt zwei Varianten:
- MOX-Technik (von der russischen Regierung geplant): Einsatz des
Plutonims in Uran-Plutonium-Mischoxid-Elementen; Folge: höheres Sicherheitsrisiko,
höhere Strahlungsbelastungen bei Freisetzungen infolge von Störfällen, abgebrannte
MOX-Brennelemente sind radioaktiver und produzieren mehr Nachwärme als Uranbrennelemente
- die Anti-Atom-Gruppen fordern daher die Verwahrung des
Plutoniums durch die Immobilisations-Technologie: Dabei wird Plutonium mit Keramik und
flüssigem Glas verschmolzen und in Glaskokillen eingeschlossen - dieses Verfahren
erschwert den Umkehrprozeß zur Rückgewinnung des waffenfähigen Plutoniums ( allerdings
hohe Kosten und hoher technischer Aufwand)
Atomprojekte und Widerstand in Belarus
Ein Drittel des belorussisches Landes ist infolge
der Tschernobyl-Katastrophe radioaktiv verseucht worden. Insgesamt waren 1986 2,5
Millionen Menschen betroffen. Belarus ist umgeben von einem Ring von AKW's auf
ukrainischem Territorium: z.B. das AKW Ignalina und das AKW Smolensk, in dem sich vor gut
eineinhalb Monaten ein Störfall ereignete, bei dem größere Mengen an radioaktiver
Strahlung freigesetzt wurden. Sie befinden sich alle in ähnlichem Zustand wie der Reaktor
in Tschernobyl, in dem es 1986 zur Katastrophe kam. Im Herbst 1997 faßte die Regierung
des Landes den Beschluß, ein eigenes Atomkraftwerk zu bauen, obwohl dies der Verfassung
widerspricht, in der geschrieben steht, daß das Belarus ein atomfreies Land bleiben soll.
Eine kleine Widerstandsgruppe, die "Ökoradikalen" organisierten einen
landesweiten Marsch "Wjassjolka" (Regenbogen), die Begehung der vorgesehenen
Bauplätze und die Aufklärung der Bevölkerung vor Ort.
Deutsche Beteiligung an osteuropäischen
Atomprojekten
Vor allem die Konzerne SIEMENS und Westinghouse
bemühen sich in Osteuropa zunehmend erfolgreich um den Bau von Atomkraftwerken. Dabei
wird ein Teil des Atomstroms nach Deutschland exportiert, um die Lieferkredite zu
finanzieren. Die Ausstiegsszenarien in Deutschland verstärken den Export des Atomrisikos
ins benachbarte Ausland. Da in den osteuropäischen Ländern niedrigere
Sicherheitsstandards gelten, bauen Siemens und Westinghouse natürlich nach diesen
Standards und nicht nach den strengeren westeuropäischen.
In der Ukraine hat die Siemens AG einen ersten
Auftrag zur Fertigstellung des Atomkraftwerkblocks Rowno-4 erhalten, erwartet Aufträge
für die Fertigstellung von Khmelnitzki-2 und hat sich in Rußland um die Fertigstellung
von Kalinin-3 beworben. In Rußland sind 25 der 29 noch in Betrieb befindlichen
Atomreaktoren so veraltet, daß sie spätestens im Jahr 2010 abgeschaltet werden müssen.
Rußland hat selbst keine Mittel, diese Atommeiler für den Weiterbetrieb zu rüsten. Auch
hier bietet sich Siemens großzügig an, Finanzen und Know-How bereitzustellen. Der
Siemens-Bereich "Energieübertragung und -verteilung" baut gemeinsam mit der
US-Firma CalEnergy eine Stromleitung vom litauischen Atommeiler Ignalina (RBMK-Typ) durch
Polen in den Westen. Ursprünglich sollte der Katastrophenreaktor Ignalina in wenigen
Jahren abgeschaltet werden. Nun soll ein Vertrag mit zehnjähriger Laufzeit über die
Lieferung von Atomstrom geschlossen werden.
Die Ukraine und die Folgen von
Tschernobyl
Die aktuelle Situation in der Ukraine ist vor
allem dadurch gekennzeichnet, daß dieses Land 13 Jahre nach dem Reaktorunfall von
Tschernobyl unter immenser Armut leidet. Das bedeutet, daß die medizinischen,
radioökologischen und sozialen Folgen nicht oder nur sehr mangelhaft bewältigt werden
können. Der Sarkophag von Tschernobyl weist schon seit mehreren Jahren Risse auf, die
nicht behoben werden. Häufige Folgekrankheiten der Katastrophe, wie Schilddrüsenkrebs
können aus finanziellen Gründen nicht behandelt werden. Dabei flossen allein im letzten
Jahr 250 Millionen DM aus internationalen Quellen zur Bewältigung der Folgen von
Tschernobyl. Von dieser Summe sind jedoch nur 20 % real verwendet worden. Der Rest
verschwand in den staatlichen Mühlen aus Korruption und Bestechung. Ein paar Millionen DM
würden schon reichen, um den an Schilddrüsenkrebs erkrankten Kindern wirkungsvoll helfen
zu können. Die ukrainische Bewegung appelliert daher an den Westen, finanzielle Mittel in
materielle Unterstützung umzuwandeln. Der Verbleib dieser Hilfen kann besser verfolgt und
die Hilfen selbst wirkungsvoller eingesetzt werden.
Atomstrom in der Tschechischen Republik
Zur Zeit sind in Tschechien 4 Reaktorblöcke im
AKW Dukovany in Betrieb. Die Blöcke arbeiten mit Druckwasserreaktoren sowjetischer Bauart
und einer Leistung von je 440 MW. In Bau befinden sich noch zwei Blöcke mit je 1000 MW im
AKW Temelin. Sie sollen nach letzten Schätzungen der Betreiber ab Mai 2001 ans Netz
gehen. Für die Anti-Atom-Bewegung stellen sich die Fragen, ob die Stromproduktion des AKW
Dukovany ersetzt werden kann und ob es notwendig ist, das AKW Temelin fertigzustellen.
Nach eher konservativen Schätzungen ist eine
Abschaltung in Dukovany nach spätestens 10 Jahren möglich. Hohe Energiesparpotentiale im
privaten und industriellen Bereich sowie Einsatz moderner Technik in Kohle- und
Gaskraftwerken würden die Energie aus Dukovany überflüssig machen.
In Temelin wird seit 1985 an den beiden Blöcken
gearbeitet. Die Inbetriebnahme war für 1992 geplant, ist aber seitdem um jeweils 2 Jahre
nach hinten verschoben worden. Immer wieder konnten einfachste Sicherheitsvorkehrungen
nicht gewährleistet werden. Die damit verbundenen Nachrüstungsmaßnahmen verschlangen
Unmengen an Geld (bis jetzt 98,6 Milliarden CZK) und Zeit. Die Zustände waren derart
skandalös, daß die tschechische Regierung im Sommer 1998 eine unabhängige Überprüfung
in Auftrag geben mußte. Aus dieser ging hervor, daß das AKW Temelin unter bestimmten
Bedingungen rentabel sein könnte. Diese Bedingungen machen eine Fertigstellung aus
terminlichen und finanziellen Gründen jedoch unrealistisch. Mitte Mai 1999 entscheidet
die tschechische Regierung endgültig über Temelin. Da neue Stromquellen in Tschechien
erst in 10- 15 Jahren notwendig werden, ist eine Fertigstellung aus diesen Gründen nicht
sinnvoll.
Wo wart Ihr ?
Es ist offensichtlich, daß mit einem Ausstieg
aus der Atomenergieerzeugung in Deutschland nichts gewonnen ist, wenn gleichzeitig in
Osteuropa alte Reaktoren nachgerüstet oder gar Atomkraftwerke neu gebaut werden. Um so
unverständlicher, daß diese wichtige Gelegenheit an authentische Informationen zu
gelangen, Kontakte zu Aktivisten vor Ort zu knüpfen und Ziele und Strategien für die
weitere Arbeit zu diskutieren nur von wenigen wahrgenommen wurde. Besonders vermißt haben
wir Leute aus der gesamtdeutschen Anti-Atom Bewegung. In diesem offensichtlichen
Desinteresse zeigte sich einmal mehr die permanente Ignoranz von Anti-Atom-Arbeit in
Ostdeutschland und den mangelnden Willen, die doch noch recht schwache Bewegung zu
unterstützen.
Es zeigt aber auch die Unfähigkeit der Bewegung,
über das jeweils lokale Problemfeld (AKW oder Zwischenlager vor der Haustür) hinaus zu
agieren, einmal abgesehen von Castorblockaden. Momentan wird viel Zeit verwandt, sich
gegen die Nationalismusvorwürfe im Hinblick auf die Atommüllrücktransporte aus
Frankreich zur Wehr zu setzen und Kontakte zu französischen Anti-Atom Aktivisten
herzustellen. Die mögliche Verschiebung deutschen Atommülls nach Rußland oder
Atomstromimporte aus Osteuropa sind dagegen kaum ein Thema. Den osteuropäischen
Aktivisten jedenfalls konnte der Eindruck nicht verwehrt bleiben, daß sich die deutsche
Anti-Atom-Bewegung am liebsten mit sich selbst beschäftigt.
Dirk und Heike
aaa

Ende |