II. PKA-Hearing in Hannover - Sicherung des Weiterbetriebes statt Sicherung der Bevölkerung

PKA: Genehmigung für alle Fälle

Auf Einladung des Niedersächsischen Umweltministers Wolfgang Jüttner trafen sich am 3. Mai Vertreter von Atomentsorgungsfirmen, Genehmigungsbehörden und Wissenschaftler zum Thema Pilotkonditionierungsanlage (PKA) Gorleben in Hannover.

Grund: Die Gesellschaft für Nuklearservice (GNS) drängt mit dem Antrag auf die 3. Teilerrichtungsgenehmigung (TEG) zur Aufnahme des "heißen Betriebs" der Atomverpackungsanlage. Nach Auskunft des GNS-Chefs Wolfgang Hawickhorst bleibt es bei den schon 1986 formulierten Betriebszwecken: Verpacken von Brennelementen in endlagerfähige Polluxbehälter, "Optimierung" der Lagerkapazitäten in größeren Castorbehältern und Reparaturservice für die Zwischenlager.

Kritische Wissenschaftler, wie der Endlagerexperte Helmut Hirsch und Wolfgang Neumann von der Gruppe Ökologie sehen  die Konditionierung abgebrannter Brennelemente in engem Zusammenhang mit der Endlagerfrage. Da bisher weder ein Ort für ein Endlager, die Wahl des geeigneten Wirtsgesteins, noch die damit verbundenen Anforderungen an einen Endlagerbehälter geklärt seien  und eine entsprechende Entscheidung erst 2030 endgültig zu erwarten wäre, sei die PKA zum jetzigen Zeitpunkt überflüssig. Helmut Hirsch: "Eine ´3-f-Anlage´: falsche Anlage am falschen Ort zur falschen Zeit." Wer eine solche Anlage direkt auf den Salzstock Gorleben stelle, könne nicht mehr behaupten, daß dort "ergebnisoffen" erkundet würde.

Michael Sailer, neues Mitglied der Reaktorsicherheitskommission und Atomexperte des Öko-Institutes fordert daher im Einklang mit Trittins oberstem Beamten im Bundesumweltministerium (BMU), Wolfgang Renneberg, nur die Erteilung einer Genehmigung für den kalten Betrieb zu "Instandsetzungsmaßnahmen an Castorbehältern". Sailer: "Was die Behältersicherheit angeht, traue ich den Castoren keine 40 Jahre". Wolfgang Ehmke erinnerte für die BI Lüchow-Dannenberg daran, daß die uneingeschränkte Behältersicherheit seinerzeit Genehmigungsvoraussetzung für das Zwischenlager in Gorleben war. "Wenn die Behälter jetzt plötzlich auch aus Sicht der Behörden so unsicher sind, dürfen sie nicht mehr benutzt und keine Zwischenlager mehr betrieben werden",  konterte Ehmke.

Selbst wenn man in Sailers Logik von der Notwendigkeit einer Reparatureinrichtung bliebe, ohne gleichzeitig das gesamte Zwischenlagersystem inklusive der Behältertechnik zur Disposition zu stellen, müßten die anderen Zwischenlager in Ahaus und Gorleben aus den gleichen Sicherheitserwägungen schnellstens eine Reparatureinrichtung erhalten. "Rot-Grün in Bonn redet mit den Serviceleistungen einen Betriebszweck der PKA herbei, wo zugleich überdeutlich wurde, daß die Anlage zum jetzigen Zeitpunkt völlig unnütz ist", wirft BI-Sprecher Wolfgang Ehmke den Bonnern vor.

Angesichts von 400 t abgebrannter Brennelemente aus bundesdeutschen AKW´s pro Jahr und absehbaren Restlaufzeiten von weiteren 25 Jahren sei mit 1.000 zu lagernden Castorbehältern zu rechnen, erklärte Hawickhorst für die GNS. Angesichts dieses Potentials müsse man in puncto Sicherheit die "Gürtel plus Hosenträger-Strategie" fahren, falls doch mal etwas passiere.

Auch wenn die GNS derzeit ohne hochradioaktive Brennelemente mögliche künftige Betriebsabläufe üben wolle, wird der heiße Betrieb beantragt. Kräftigstes Argument der Betreiber:  die Investitionskosten in Höhe von 800 Mio. Mark. Deshalb: Genehmigung "für alle Fälle". Die Gorleben-Gegner/innen halten dagegen, daß die angestrebte "Optimierung der Zwischenlagerung" als neuem Betriebszweck einzig auf noch mehr Castortranporte nach Gorleben, ein ständiges Um- und kompakteres Beladen von Großbehältern, die dann im Zwischenlager aufgestellt würden, hinausliefe. Mit einer "Pilot"anlage oder "Konditionierung" habe das nichts mehr zu tun, faßt die BI zusammen. Eine Genehmigung der Atommüllfabrik würde mit Sicherheit den heissen Betrieb nach sich ziehen, auch wenn die GNS heute das Gegenteil behaupte.

Tatsächlich scheint sich die Atomwirtschaft mit der Genehmigung der PKA möglichst viele Optionen für die Verbringung von Atommüll offenhalten zu wollen. So könnte die PKA das Dilemma der vollen Lagerbecken in den Altanlagen Stade und Biblis beseitigen. Hier bestehen bisher nur Einrichtungen zur Beladung von reinen Transportbehältern mit Ziel Wiederaufarbeitung. In der PKA könnten die Brennelemente aus den Transportbehältern in große, zwischenlagerfähige Castorbehälter umverpackt werden. Bei einem eventuellen Verbot der Wiederaufarbeitung müßten diese Anlagen dann nicht wegen Transportproblemen vom Netz gehen.

Mit der Pilotkonditionierungsanlage würde im Wendland 22 Jahre nach der Standortbenennung für ein Nuleares Entsorgungszentrum die erste Atomanlage (abgesehen von den Zwischenlagereinrichtungen)  in Betrieb gehen, die über den Abluftschornstein und ein Abwassereinleitungsrohr in die Elbe radioaktive Emissionen an die Umwelt in großem Stil abgibt.

Das BMU sieht die Zuständigkeit im Falle der PKA-Genehmigung beim Niedersächsischen Umweltministerium.  Wolfgang Jüttner sieht jedoch seine Hände durch den Vertrag seiner Vorgängerin Monika Griefahn mit der GNS aus dem Jahre 1996 gebunden. Dort hatte sich das NMU zur "positiven" Behandlung der Genehmigung verpflichtet und fürchtet bei Nichterfüllung Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe. Nun wäre es nicht das erste Mal, daß das Bundesumweltministerium eine Landesbehörde per Weisung maßregelt, in diesem Fall die Genehmigung verbietet. Doch diese Option weist Renneberg für das BMU weit von sich: "Dann  hat der Bundeshaushalt die Entschädigungsforderungen am Hals".

Ausgerechnet am 19. Jahrestag der Gründung der "Republik Freies Wendland" auf der Tiefbohrstelle 1004, dem heutigen Endlagerkomplex, scheint damit der weitere Ablauf in Gorleben vorgezeichnet. Die PKA ginge in Betrieb und präjudiziert damit den Endlagerstandort Gorleben. "Wenn unsere Bedenken in puncto Sicherheit beim Gesetzgeber kein Gehör finden, werden wir eben weiter den Bereich ´Sicherung´ der Transporte beackern", erklärt Wolfgang Ehmke für die BI.  "Denn eine Inbetriebnahme der PKA als zentrale Umverpackungs- und Reparaturstelle führt unweigerlich zu noch mehr Transporten. Die werden wir blockieren".

Die Frage, ob noch in diesem Jahr mit einem Castortransport aus der WAA La Hague nach Gorleben zu rechnen sei, konnte der Vertreter aus den Bumdesumweltministerium nicht beantworten. "Ich kann hier nicht für die Bundesregierung sprechen", erklärte Renneberg und betonte gleichzeitig die moralische Pflicht zur Rücknahme von deutschem Atommüll. Auch Castortransporte aus deutschen AKW´s in die WAA´s in Frankreich und Großbritannien wollte Renneberg nicht ausschließen. Man wolle den Weiterbetrieb der Atomanlagen aber keinesfalls begünstigen, es gelte nach wie vor die Austiegsprämisse.

Wer in Bonn die Entscheidungen trifft, machte Renneberg beim Thema Endlager deutlich: Ein von Trittin bereits für Ostern angekündigter Baustopp bei den Endlagerarbeiten in Gorleben  werde weiterhin geprüft und sei "wissenschaftlich und technisch" geboten. Wegen der zu erwartenden Schadensersatzforderungen müsse allerdings die Zustimmung aus dem Bundeswirtschaftsministerium abgewartet werden.

Mathias Edler

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Verhindert Denkmalschutz den Abriß des 125 jährigen Bauwerks? - Stahl porös

Nur neue Brücke wäre Castorfest

Sichtbar hat der Zahn der Zeit an der Eisenbahnbrücke genagt, die  unweit Seerau/Hitzacker den Zugverkehr über die Jeetzel erlaubt:  seit 1874. Für Castor-Transporte ist sie nicht mehr stark genug.  befanden Experten: die Atommüll-Bottiche dürfen nicht mehr  drüberfahren. Ob sie je wieder Seerau passieren werden, ist noch  nicht entschieden. Die Zukunft der Strecke als Castor-Linie hängt  davon ab, ob die historische Brücke abgerissen wird oder nicht.

Weil die alte Stahlkonstruktion heutzutage schon gewissen  Seltenheitswert hat und aus den Anfangstagen der Eisenbahnzeit  stammt, hatte der Landkreis Lüchow-Dannenberg angeregt, das  Bauwerk als Denkmal anzuerkennen. Ende März befand das Landesamt  für Denkmalpflege: Die Brücke ist ein Baudenkmal! Ein solches  darf aber nur in Ausnahmefällen abgerissen werden.

Denkbar wäre es nun, die alte Brücke durch gründliche Reparaturen  wieder castorfest zu machen. Aber, so berichtete  Kreisbaudezernent Jürgen Weinold der EJZ auf Anfrage: Die  Deutsche Bahn hat Untersuchungen in diese Richtung veranlaßt, und  deren Ergebnis laute: Eine Instandsetzung ist mit vertretbarem  Aufwand nicht mehr machbar. Der Brückenstahl sei porös, lasse  sich nicht mehr schweißen, besagt das von der Bahn vorgelegte  Gutachten. Auch eine Stabilisierung der Brücke durch das  Unterziehen zusätzlicher Träger sei nicht möglich. Das Konzept  der Bahn lautet deshalb: Abreißen - und nicht neu bauen. Dem aber  steht, wenn's nicht eine Sonergenehmigung gibt, der Denkmalschutz  entgegen. Wie es weitergeht in Sachen Brücke, dabei hat der  Landkreis ein wichtiges Wort mitzureden. Die Kreisverwaltung wird  die Angelegenheit nun gründlich prüfen.

Personenzüge dürfen nach wie vor über die Brücke fahren,  allerdings nur ganz langsam, mit 20 km/h. Aber, so meint  Baudirektor Jürgen Weinold, in fünf bis 15 Jahren könnte es  soweit sein, daß die Eisenbahnbrücke auch für den Personenverkehr  nicht mehr tauglich ist. Es müsse daher nach einer Lösung gesucht  werden, die dem Wunsch entgegenkommt, die Strecke zu erhalten und  auch für den Güterverkehr nutzbar zu machen - nicht nur für  Castor-Behälter

Hagen Jung
(aus: EJZ vom 3.5.99)

[Redaktionelle Nachbemerkung der aaa: Die früher vorhandene zweite  Castor-Strecke Uelzen-Dannenberg ist seit 1996 stillgelegt. Sie  kann ohne aufwendige Reparaturmaßnahmen nicht mehr benutzt  werden. Theoretisch ist denkbar, daß Castor-Behälter bereits vor  der Seerauer Jeetzel-Brücke mittels eines mobilen Autokrans auf  Straßentransporter umgeladen werden. In den 80er Jahren wurde  dieses Verfahren mit einem leeren Behälter getestet. Auch ein vom  Osten anrollende Straßentransport vom Bahnhof Geestgottberg -  südlich von Wittenberge - ist schonmal ohne heißen Castor  ausprobiert worden. Allerdings haben alle abweichenden  Straßentransport-Varianten den Nachteil, daß die von der Polizei  zu sichernde Strecke weitaus länger als die bisher üblichen 18 km  von Dannenberg nach Gorleben wäre. Der vor Monaten angekündigte  weitere Ausbau des Castor-Veraldekrans in Dannenberg liegt  gegenwärtig auf Eis.]

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Dreizehn Jahre nach Tschnobyl - Atomausstieg in Osteuropa? Europäisches Forum in Dresden vom 30.04.-02.05.1999

Frage an den Westen: Wo wart Ihr?

Der Ausstieg aus der Nutzung der Atomkraft in Deutschland und Westeuropa ist eine Frage des Wie und Wann geworden, die Tendenz offensichtlich unumkehrbar. Aber selbst mit einem möglichen Ende der Atomenergieerzeugung in Deutschland sind weder die Gefahren aus dieser Technologie gebannt, noch die Fragen einer nachhaltigen Energienutzung und Energieversorgung beantwortet.

Während der Atomausstieg in Deutschland zumindest in den Medien Schlagzeilen gemacht hat, drohen die energiepolitischen Szenarien in Osteuropa und deren Abhängigkeit von den Trends im Westen aus dem Auge zu geraten. Dabei stehen in den nächsten Jahren in Osteuropa energiepolitische Entscheidungen von unerhörter Tragweite an. So werden derzeit mehrere atomare Großprojekte geplant und teilweise bereits realisiert, vorhandene Kraftwerke nachgerüstet und somit für lange Zeit eine Energieversorgung auf der Basis von Atomkraft scheinbar festgelegt: Gleichzeitig wächst der Widerstand.

Was wissen wir eigentlich von den atomaren Plänen und Großprojekten in unseren Nachbarländern jenseits unserer Medienöffentlichkeit? Werden wir statt in Deutschland Atomstrom zu produzieren, Atomstrom aus Tschechien und der Ukraine importieren? Verlagern wir unsere Probleme nur oder ist unser Ausstieg auch eine richtungweisende Entscheidung für die Länder des ehemaligen Ostblocks? Wie läuft die Auseinandersetzung über die Atomkraftnutzung in Osteuropa? Welche Interessen haben deutsche Unternehmen bei der energiepolitischen Neustrukturierung in Europa? Wie kann deutsche Politik Einfluß auf die Entwicklung bei unseren Nachbarn nehmen?

Fragen, Fragen, Fragen ...

auf die Antwort zu geben Anti-Atom-Engagierte aus Osteuropa und Deutschland als Referenten eingeladen waren:

  • Alexander Byelyakov - freier Journalist, der sich in mehreren Veröffentlichungen mit den Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl beschäftigte,
  • Mikolai Meliouk - Mitglied der "Radikalen Ökologisten", die sich gegen den Bau eines Atomkraftwerkes in Weißrußland einsetzen,
  • Josef Pühringer - Geschäftsführer der Oberösterreichischen Plattform gegen Atomgefahr,
  • Vladimir Slivyak - Sprecher der russischen Anti-Atom-Kampagne "Ecodefence", langjährig in der Anti-Atom-Bewegung engagiert und einer ihrer führenden Aktivisten,
  • Dalibor Strasky - Leiter des ökologischen Zentrums "Calla" in Ceske Budejovice und Berater des Umweltministers in Tschechien,
  • Sebastian Pflugbeil - Doktor der Physik und Vorsitzender des Vereins "Kinder von Tschernobyl e. V." und
  • Andreas Lämmermann von der SIEMENS-Boykottkampagne.

Kurzer Abriß der Beiträge:

Die Russische Anti-Atom-Bewegung

Als in der Sowjetunion die ersten Anti-Atom-Gruppen nach der Tschernobyl-Katastrophe in Erscheinung traten, war es eine Massenbewegung von Millionen Menschen, die ihren Protest in Demonstrationen zum Ausdruck brachten. Seit 1991 nahm die Zahl der Aktivisten rapide ab, sie verringerte sich auf einige hundert Leute, die immer noch in Rußland und den anderen neuen unabhängigen Staaten, die aus der UdSSR hervorgegangen sind, gegen Atomkraft aktiv sind. Sie arbeiten heute so effektiv wie nie zuvor - die Atomindustrie sieht sich einer mittlerweile sehr professionell arbeitenden Bewegung gegenüber, welche im Kampf gegen die Weiterentwicklung der Atomtechnologien bereits einige Erfolge verzeichnen konnte:

  • Im November 1995 organisierten Anti-Atom-Aktivisten in Kostroma ein lokales Referendum: Die Bevölkerung wurde befragt, ob das AKW im Gebiet von Kostroma gebaut werden soll. 87,4% sprachen sich gegen die geplante Nukleartechnologie aus.
  • Die russische Atomindustrie führte regelmäßig Transporte radioaktiven Materials über den Seeweg von Kaliningad aus ins Ausland durch. Aktivisten von ECODEFENSE! starteten im Zeitraum Juli/ August 1996 eine Kampagne gegen diese Transporte, infolge derer ein mit Uraniumhexafluorid beladenes Schiff, nach dem Versuch, den Hafen von Kaliningrad anzulaufen nach zwei Wochen umkehren mußte. Im darauffolgenden Prozeß der Atomindustrie gegen ECODEFENSE! ergab die Untersuchung des Oberstaatsanwaltes, daß der Transit radioaktiven Materials durch Kaliningrad mehrere russische Gesetze verletzt - das Verfahren wurde eingestellt. Die Transporte sind endgültig im November 1998 durch ein vom Parlament verabschiedetes Gesetz über die nukleare Sicherheit von Kaliningrad gestoppt worden.

Schwerpunktprobleme:

  • Atommüllverschiebung aus Deutschland nach Rußland (dazu existieren Geheimverträge), die durch Gesetzesänderungen legalisiert werden soll
  • Atomstromimporte nach Deutschland zur Schuldentilgung oder zur Finanzierung von Lieferkrediten, welche den Weiterbetrieb der Reaktoren in Rußland legitimiert
  • Vereinbarung zwischen Deutschland, Frankreich und Rußland über den Bau des europäischen Druckwasserreaktors EPR in Smolensk
  • aufgrund einer Abrüstungsvereinbarung zwischen den USA und Rußland, steht Rußland vor dem Problem, 50 Tonnen Plutonium unschädlich machen zu müssen, dafür gibt zwei Varianten:
  1. MOX-Technik (von der russischen Regierung geplant): Einsatz des Plutonims in Uran-Plutonium-Mischoxid-Elementen; Folge: höheres Sicherheitsrisiko, höhere Strahlungsbelastungen bei Freisetzungen infolge von Störfällen, abgebrannte MOX-Brennelemente sind radioaktiver und produzieren mehr Nachwärme als Uranbrennelemente
  2. die Anti-Atom-Gruppen fordern daher die Verwahrung des Plutoniums durch die Immobilisations-Technologie: Dabei wird Plutonium mit Keramik und flüssigem Glas verschmolzen und in Glaskokillen eingeschlossen - dieses Verfahren erschwert den Umkehrprozeß zur Rückgewinnung des waffenfähigen Plutoniums ( allerdings hohe Kosten und hoher technischer Aufwand)

Atomprojekte und Widerstand in Belarus

Ein Drittel des belorussisches Landes ist infolge der Tschernobyl-Katastrophe radioaktiv verseucht worden. Insgesamt waren 1986 2,5 Millionen Menschen betroffen. Belarus ist umgeben von einem Ring von AKW's auf ukrainischem Territorium: z.B. das AKW Ignalina und das AKW Smolensk, in dem sich vor gut eineinhalb Monaten ein Störfall ereignete, bei dem größere Mengen an radioaktiver Strahlung freigesetzt wurden. Sie befinden sich alle in ähnlichem Zustand wie der Reaktor in Tschernobyl, in dem es 1986 zur Katastrophe kam. Im Herbst 1997 faßte die Regierung des Landes den Beschluß, ein eigenes Atomkraftwerk zu bauen, obwohl dies der Verfassung widerspricht, in der geschrieben steht, daß das Belarus ein atomfreies Land bleiben soll. Eine kleine Widerstandsgruppe, die "Ökoradikalen" organisierten einen landesweiten Marsch "Wjassjolka" (Regenbogen), die Begehung der vorgesehenen Bauplätze und die Aufklärung der Bevölkerung vor Ort.

Deutsche Beteiligung an osteuropäischen Atomprojekten

Vor allem die Konzerne SIEMENS und Westinghouse bemühen sich in Osteuropa zunehmend erfolgreich um den Bau von Atomkraftwerken. Dabei wird ein Teil des Atomstroms nach Deutschland exportiert, um die Lieferkredite zu finanzieren. Die Ausstiegsszenarien in Deutschland verstärken den Export des Atomrisikos ins benachbarte Ausland. Da in den osteuropäischen Ländern niedrigere Sicherheitsstandards gelten, bauen Siemens und Westinghouse natürlich nach diesen Standards und nicht nach den strengeren westeuropäischen.

In der Ukraine hat die Siemens AG einen ersten Auftrag zur Fertigstellung des Atomkraftwerkblocks Rowno-4 erhalten, erwartet Aufträge für die Fertigstellung von Khmelnitzki-2 und hat sich in Rußland um die Fertigstellung von Kalinin-3 beworben. In Rußland sind 25 der 29 noch in Betrieb befindlichen Atomreaktoren so veraltet, daß sie spätestens im Jahr 2010 abgeschaltet werden müssen. Rußland hat selbst keine Mittel, diese Atommeiler für den Weiterbetrieb zu rüsten. Auch hier bietet sich Siemens großzügig an, Finanzen und Know-How bereitzustellen. Der Siemens-Bereich "Energieübertragung und -verteilung" baut gemeinsam mit der US-Firma CalEnergy eine Stromleitung vom litauischen Atommeiler Ignalina (RBMK-Typ) durch Polen in den Westen. Ursprünglich sollte der Katastrophenreaktor Ignalina in wenigen Jahren abgeschaltet werden. Nun soll ein Vertrag mit zehnjähriger Laufzeit über die Lieferung von Atomstrom geschlossen werden.

Die Ukraine und die Folgen von Tschernobyl

Die aktuelle Situation in der Ukraine ist vor allem dadurch gekennzeichnet, daß dieses Land 13 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl unter immenser Armut leidet. Das bedeutet, daß die medizinischen, radioökologischen und sozialen Folgen nicht oder nur sehr mangelhaft bewältigt werden können. Der Sarkophag von Tschernobyl weist schon seit mehreren Jahren Risse auf, die nicht behoben werden. Häufige Folgekrankheiten der Katastrophe, wie Schilddrüsenkrebs können aus finanziellen Gründen nicht behandelt werden. Dabei flossen allein im letzten Jahr 250 Millionen DM aus internationalen Quellen zur Bewältigung der Folgen von Tschernobyl. Von dieser Summe sind jedoch nur 20 % real verwendet worden. Der Rest verschwand in den staatlichen Mühlen aus Korruption und Bestechung. Ein paar Millionen DM würden schon reichen, um den an Schilddrüsenkrebs erkrankten Kindern wirkungsvoll helfen zu können. Die ukrainische Bewegung appelliert daher an den Westen, finanzielle Mittel in materielle Unterstützung umzuwandeln. Der Verbleib dieser Hilfen kann besser verfolgt und die Hilfen selbst wirkungsvoller eingesetzt werden.

Atomstrom in der Tschechischen Republik

Zur Zeit sind in Tschechien 4 Reaktorblöcke im AKW Dukovany in Betrieb. Die Blöcke arbeiten mit Druckwasserreaktoren sowjetischer Bauart und einer Leistung von je 440 MW. In Bau befinden sich noch zwei Blöcke mit je 1000 MW im AKW Temelin. Sie sollen nach letzten Schätzungen der Betreiber ab Mai 2001 ans Netz gehen. Für die Anti-Atom-Bewegung stellen sich die Fragen, ob die Stromproduktion des AKW Dukovany ersetzt werden kann und ob es notwendig ist, das AKW Temelin fertigzustellen.

Nach eher konservativen Schätzungen ist eine Abschaltung in Dukovany nach spätestens 10 Jahren möglich. Hohe Energiesparpotentiale im privaten und industriellen Bereich sowie Einsatz moderner Technik in Kohle- und Gaskraftwerken würden die Energie aus Dukovany überflüssig machen.

In Temelin wird seit 1985 an den beiden Blöcken gearbeitet. Die Inbetriebnahme war für 1992 geplant, ist aber seitdem um jeweils 2 Jahre nach hinten verschoben worden. Immer wieder konnten einfachste Sicherheitsvorkehrungen nicht gewährleistet werden. Die damit verbundenen Nachrüstungsmaßnahmen verschlangen Unmengen an Geld (bis jetzt 98,6 Milliarden CZK) und Zeit. Die Zustände waren derart skandalös, daß die tschechische Regierung im Sommer 1998 eine unabhängige Überprüfung in Auftrag geben mußte. Aus dieser ging hervor, daß das AKW Temelin unter bestimmten Bedingungen rentabel sein könnte. Diese Bedingungen machen eine Fertigstellung aus terminlichen und finanziellen Gründen jedoch unrealistisch. Mitte Mai 1999 entscheidet die tschechische Regierung endgültig über Temelin. Da neue Stromquellen in Tschechien erst in 10- 15 Jahren notwendig werden, ist eine Fertigstellung aus diesen Gründen nicht sinnvoll.

Wo wart Ihr ?

Es ist offensichtlich, daß mit einem Ausstieg aus der Atomenergieerzeugung in Deutschland nichts gewonnen ist, wenn gleichzeitig in Osteuropa alte Reaktoren nachgerüstet oder gar Atomkraftwerke neu gebaut werden. Um so unverständlicher, daß diese wichtige Gelegenheit an authentische Informationen zu gelangen, Kontakte zu Aktivisten vor Ort zu knüpfen und Ziele und Strategien für die weitere Arbeit zu diskutieren nur von wenigen wahrgenommen wurde. Besonders vermißt haben wir Leute aus der gesamtdeutschen Anti-Atom Bewegung. In diesem offensichtlichen Desinteresse zeigte sich einmal mehr die permanente Ignoranz von Anti-Atom-Arbeit in Ostdeutschland und den mangelnden Willen, die doch noch recht schwache Bewegung zu unterstützen.

Es zeigt aber auch die Unfähigkeit der Bewegung, über das jeweils lokale Problemfeld (AKW oder Zwischenlager vor der Haustür) hinaus zu agieren, einmal abgesehen von Castorblockaden. Momentan wird viel Zeit verwandt, sich gegen die Nationalismusvorwürfe im Hinblick auf die Atommüllrücktransporte aus Frankreich zur Wehr zu setzen und Kontakte zu französischen Anti-Atom Aktivisten herzustellen. Die mögliche Verschiebung deutschen Atommülls nach Rußland oder Atomstromimporte aus Osteuropa sind dagegen kaum ein Thema. Den osteuropäischen Aktivisten jedenfalls konnte der Eindruck nicht verwehrt bleiben, daß sich die deutsche Anti-Atom-Bewegung am liebsten mit sich selbst beschäftigt.

Dirk und Heike
aaa

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